Release Tipps

Release Tipp: Maja Osojnik – Doorways / Mamka Records & col legno

Maja Osojniks Musik braucht Zeit. Das ist eine Herausforderung für unsere heutige Schnelllebigkeit. Es lohnt sich dieser Herausforderung zu stellen und der Musik die Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen, die sie verdient. Christopher Nosnibor hat absolut recht, wenn er sagt: „Maja Osojnik hat ein Album geschaffen, das dunkel und schwierig ist, aber Raum für langsame Kontemplation und Reflexion schafft. Und – keine vage Kritik, sondern eine Tatsache – Doorways ist „schön“ und faszinierend. Es zieht einen hinein und in verschiedene Richtungen.“

Genau das liebe ich an Musik und speziell an dieser: sie kann uns Zuhörer in ungewohnte Richtungen lenken und unsere Aufmerksamkeit heraus fordern. Musik kann so viel mehr als nur schön sein!

Cover von col legno

Maja Osojnik zur Musik:

Doorways entstand aus dem Wunsch heraus, der Stadt und dem Alltag zu entfliehen, sowie auch seiner problematischen Geschwindigkeit, deren Produktion die Erosion der Aufmerksamkeit beschleunigt. An einem ruhigen Ort anzukommen, dort mit einem beobachtenden, vorurteilsfreien Eros zu verweilen, um sich wieder bewusst zu werden, dass man lebt. In Pauline Oliveros’ Manier des Deep Listening beschäftigt sich das Album der Künstlerin Maja Osojnik mit der unwillkürlichen Natur des Hörens und der bewussten Natur des Zuhörens und stellt die Frage, wie aufmerksam wir die (Klang-) Umgebung und ihre konstante Veränderung wahrnehmen, erkennen und verinnerlichen.

Beide Stücke arbeiten mit den subtilen Veränderungen im Klang und sind wie eine Collage, ein Pas de Deux, zwischen Natur und Cyborg, zu verstehen. Durch Schattierungen, mikroskopische Abweichungen, Übergänge, Schichtungen, Verfremdungen von originalen Field Recordings bringen die Stücke die Aufmerksamkeit auf die Essenz des Vorhandenen, des vor Ort Bestehenden und laden ein, eine Art Hörgymnastik zu betreiben. Es geht um ein aktives Hören, um ein Cinema for the ears – so die Künstlerin Maja Osojnik –, um ein interaktives Spiel mit dem eigenen Selbst. Die Kompositionen laden ein, gehört zu werden, und funktionieren wie ein Drehknopf, der hochsensibel Veränderungen in den Fokus rückt, Schärfe immer wieder neu justiert, um neue Verhältnisse zwischen den elektronisch generierten Klängen, Instrumenten und den Field Recordings zu schaffen.


Maja Osojnik / Foto: Christopher Sturmer

Das erste Stück, Doorways #09, ist eine musikalische Übersetzung einer Klang-Karte eines bestimmten Ortes mitten im Wald. Die Komposition überschreibt, dehnt, verfremdet, tarnt akustisch die Natur vor Ort. Die Feld-Klangaufnahmen werden manipuliert, reduziert, gefiltert, tonal verändert. Musique Concrète in Reverse bedeutet hier, dass die Blöcke der Naturgeräusche durch die Klänge akustischer und synthetischer Musikinstrumente ersetzt und durch die musikalische Sprache neu interpretiert werden. Daraus entsteht ein elektronischer Klangteppich, ein nährender Sound-Boden, über den sich die neue Layer, ein instrumentales Werk mit Black Page Orchestra, legt.

Doorways #09 ist Teil einer Serie von grafischen Partituren, die Maja Osojnik über die Jahre hinweg für verschiedene Besetzungen bzw. Ensembles gestaltet hat. Die grafische Komposition gibt klare und deutliche Anweisungen hinsichtlich des Klangmaterials, lässt aber Freiraum für die Zeitlichkeit: In welchem Tempo man sich durch die Partitur bewegt, wie lange man wo verweilt, bleibt offen und dem Ensemble überlassen. Die Partitur ist somit auch immer die Frage, wie Kommunikation mit sich sowie mit anderen stattfinden könnte. Die Verantwortung und das Verhältnis von Individuum und Kollektivum, nicht im Versus, sondern im Miteinander, rücken hier in den Fokus. Ebenso die Frage der freien Gestaltung, das Verhältnis zwischen Interpretation und Improvisation im vorgegebenen Rahmen, den eine grafische Partitur per se mit sich bringt.


LP Cover Mamka Records

Blende #01 beschäftigt sich mit Veränderung, Verwandlung und dem Spiel der Mimikry. Ohne direkt den Mythos von Daphne zu illustrieren, konzentriert sich das Stück thematisch auf das Element des Fluches, auf die zwei Pfeile des Eros, welche die Trennung zwischen unsterblicher Liebe und Unempfänglichkeit von Liebe symbolisieren. Das Gegenpolige, das daraus resultierende Unmögliche, das Schmerzhafte (The pain is not a scandal) stehen im Zentrum, genauso wie das Moment der Verwandlung, das Shapeshifting, die Metamorphose. Das Loslassen von Altem, während das Neue unmöglich zu begreifen bleibt. Das Stück verarbeitet also in seiner Abstraktion und persönlichen Abhandlung den Prozess des Sterbens, die damit verbundenen Gefühle von Angst, Schmerz, Neugier, Lust und Ektase.


„Ich schlage dem Tod ins Gesicht, ich, eine Künstlerin, in einer letzten und wunderbaren Geste, ich überwinde die Angst vor dem Tod, indem ich dem Prozess des Sterbens zuhöre.“ Byung-Chul Han


Die Blende blickt also in eine halluzinierende surreale Traumwelt, zoomt in and out, hinein in eine mikroskopische Wesenheit, in einen dicht bewachsenen Wald. Zu Sonnenaufgang sticht schräges Licht in hunderte Richtungen, durch Bäume und aufsteigenden Nebel hindurch, und bricht sich dann kaleidoskopisch im Tau der Blätter. Alles atmet, wächst, baut, umarmt, umhüllt, fließt und bewegt sich langsam zwischen Leben und Tod, in konstanter Zirkulation und Metamorphose, unsichtbar für das Auge. Immer da, unversteckt, aber nie entblößt. Entblößt bin ich. Da stehend. Mittendrin. Komm näher. Schau hinein. Ich öffne den Mund. Rot. Eingang… © Texte: Maja Osojnik


Es saugt und atmet, kriecht und fliegt in Maja Osojniks mehrdimensionalem Klang-Multiversum. Alles hier kommuniziert auf geisterhafte Weise und durchdringt Mark, Körper und Stein – organisch belebt und manchmal außerirdisch widerhallend. Dort, an der Grenze zwischen Leben und Tod, schnurren die Untoten lüsterne Verse; dort, wo Nebel den Hain in dunstiges Zwielicht zwingt und – wie in „Haunted Horror“ – Blicke über die Schultern vor dem Unbekannten schützen sollen.

Die Klangwucherungen von Osojniks Black Page Orchestra sprießen wie Pilzkolonien auf üppigem grünem Moos. Symbiotisch nähren sie sich gegenseitig, unterstützen und treiben sich in kollektive musikalische Räume – laut und leise, schnell und langsam. DOORWAYS 9 zeigt diesen atmenden Organismus, diese Bildung von Bindungen, diese kollektiv unternommene, grandios offene Kartografie einer utopischen musikalischen Gegenwelt, in der alles bedingt ist und sich gegenseitig durchdringt: Naturraum und fabrizierte Natur, Diesseits und Jenseits, unwillkürliches Hören und bewusstes Zuhören. In der Tradition von Pauline Oliveros „Deep Listening“ vermittelt die künstlerische Gestaltwandlerin Osojnik zwischen den vermeintlichen Polen, positioniert ihre grafischen Notationen wie Statuen am Wegesrand und verweist so auf Möglichkeitsräume, ohne ein endgültiges Ziel zu benennen oder gar zu fordern. Mit einer temperamentvollen Punk-Attitüde umarmt ihr Orchester den Zustand des produktiven Schwebezustands, in dem Feldaufnahmen mit den Instrumenten in Dialog treten, sich in musikalische Sprache übersetzen und zunehmend in der Offenheit kollektiv erlebter Radikalität verschmelzen. Die Energien des neunköpfigen Ensembles werden freigesetzt, während sie improvisieren, Zeitlichkeiten, Modi und Tempi neu definieren und Portale – Türen – in musikalisch reflektierende Universen öffnen, ähnlich wie elektrisierte Körper, die in einem scheinbar chaotischen, eher umsichtigen Showdown in einem Moshpit aufeinanderprallen.

Ein solches Paralleluniversum ist die zweite Seite der Schallplatte – eine Art dunkle Seite des Mondes, oder besser gesagt: ein verlockend helles Licht am Ende des Tunnels – mit dem Titel BLENDE. Die Violoncellistin Maiken Beer watet durch luzide Träume im Kielwasser von Osojniks experimenteller Anordnung – hinaus in dunkle Gewässer, in denen kaum zu bändigende Strömungen nach Leben verlangen. Mit Trittsicherheit lehnt sie jeden Fatalismus in der Eskalation der Spannung ab. Die Komposition artikuliert sich stattdessen als Spiel, voller exquisit exponierter Harmonie. Entlang der dramatischen Abgründe, die die Klanglandschaft umgeben, weiten sich die Klangwellen zu Sturzbächen aus, während die Melodien des Cellos in die Tiefe stürzen. Alles befindet sich im freien Fall. Alles verändert sich ständig; bis der Atem stockt und sich Klangkegel wie Herbstlicht durch die dichten Baumkronen schieben. Irgendwo zwischen Schönheit und Schrecken, Leben und Tod.

DOORWAYS 9 und BLENDE geben Schwere und Großgefühl ihre Lässigkeit zurück. Sie sind musikalische Plädoyers für aktives Zuhören und Wahrnehmen mit höchster Intensität: „Kino für die Ohren“. Wenn Osojniks manchmal düstere, quasi-kinematografische Traumszenen von den wandelnden Toten bevölkert wären, würden sie vor Verlangen strotzen, wie die in der Erfolgsserie „True Blood“ – vielleicht etwas kultivierter, aber zweifellos gutaussehend und weltgewandt. Osojniks Reinkarnationen werden nicht von Egos angetrieben, sondern agieren als egalitäres Kollektiv – unabhängig von Zeit, Geografie und Stil. Multiplikation ist das A und O. Bildet Banden!



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