Essay: Was wir vermissen werden – Die Erfahrung von Verlusten prägt unsere Gegenwart
Nach Jahrzehnten des wirtschaftlichen, kulturellen und individuellen Wachstums müssen wir uns nun an Unangenehmes gewöhnen: Verlust von Ressourcen, Status und Perspektiven. Sind Verlusterfahrungen schon zum Signum unserer Gesellschaft geworden? Andreas Reckwitz im Gespräch mit Thorsten Jantschek.
Die Zukunft: 84 Prozent der Deutschen erscheint sie düster, zumindest einer Studie aus dem vergangenen Jahr zufolge. Und die Zahl derer, die pessimistisch auf das schauen, was da kommt, steigt in westlichen Gesellschaften beständig.
Dafür gibt es ja auch viele Anlässe. Nicht nur Krieg oder die Folgen des Klimawandels stimmen nicht gerade optimistisch, sondern es sind zunehmend Erfahrungen, die wir im alltäglichen Leben machen: Die Infrastruktur funktioniert nicht gut, marode Brücken stürzen ein, das Schienennetz der Bahn ist den Anforderungen nicht gewachsen, Verwaltungen, Krankenversorgungssysteme, die Wirtschaft insgesamt scheinen in einer langsamen, kaum spürbaren Niedergangsbewegung. Menschen erleben hierbei erhebliche Verlusterfahrungen. Womöglich sind diese Verlusterfahrungen längst zum Signum unserer Gesellschaft geworden.
Andreas Reckwitz, geboren 1970, ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er untersucht die Lebensbedingungen in der spätmodernen Gesellschaft. Zu seinen wesentlichsten Büchern gehören unter anderem „Die Erfindung der Kreativität“ (2012) sowie „Das hybride Subjekt“ (2020). Sein Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ wurde 2017 mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet. 2019 erhielt er den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 24.11.2024