Joachim Kühn: „Échappée“ – In unterschiedlichen Durchgangsstadien
Von Hans-Jürgen Link (FR).. Es fängt ganz verspielt an, das lange Leben, das Joachim Kühn mit seinem Bruder Rolf geteilt hat. Zwei Hände huschen auf dem Klavier, oder sind es zwei Klaviere? Umeinander, miteinander, eine wartet auf die andere, dann überholen sie sich gegenseitig, unabhängige Bewegungsweisen, eine Hand stürmt voran, die andere beharrt, folgt dann doch, alles wird nachdenklich, danach aufgewühlt … und nicht immer geht es munter voran.
Es gibt Brüche, Abgründe, Ein- und Übergriffe. Denn das alles ist ja ein Rückblick und ein Requiem: Rolf Kühn ist im August 2022 gestorben, und Bruder Joachim ist immerhin schon 81 Jahre alt. Und hat jetzt eine Solo-Doppel-CD herausgebracht, auf der das zweitlängste Stück eben den Titel „My Long Life With Brother Rolf“ heißt und das längste, das Titelstück, „Échappée“, entkommen. Das Material für diese Komposition könnte aus dem gleichen gedanklichen Mikrokosmos stammen wie das lange Leben mit Bruder Rolf. Es zeigt Bewegung in unterschiedlichen Energie- und Aggregatzuständen und Durchgangsstadien, Zögern, Eilen, Abwarten, Flüchten, Ankommen.
© Frankfurter Rundschau, Kultur, Musik, 26.2.2025