Die Filmkolumne: „Caught by the Tides“ oder Die Zukunft ist monumental
Von Jochen Werner (Perlentaucher). Jia Zhang-ke, der wichtigste Chronist der Transformation Chinas in den letzten Jahrzehnten, legt ein einmaliges Erzählexperiment vor: In „Caught by the Tides“ taucht er, gezwungen von Corona-Beschränkungen, ins eigene Archiv. Es lohnt sich unbedingt, mitzutauchen.
Die großen kreativen Sprünge in der Kunstgeschichte sind gar nicht so selten dem Mangel und der Einschränkung zu verdanken – und der Notwendigkeit, eben diese auf möglichst kreative Weise zu umgehen. Der neue Film Jia Zhangkes ist jedenfalls aus einer solchen, ziemlich umfassenden Einschränkung heraus entstanden. Gut fünf Jahre ist es inzwischen her, dass zuerst China und dann der Rest der Welt die „Boring Twenties“ des 21. Jahrhunderts einläuteten, indem ein Land nach dem anderen in rascher Folge in den Lockdown ging.
An Dreharbeiten war nicht zu denken, und gleichwohl gab es gerade in dieser Zeit (und insbesondere in China) so vieles, was dringend erzählt werden musste. Man behalf sich also auf verschiedene Weise im internationalen Festival- und Autorenfilm, erzählte vom Eingesperrtsein in Innenräumen (Bertrand Bonello), von der Landflucht (Olivier Assayas), oder filmte die leeren Innenstädte in den endlosen Monaten der Ausgangssperren (Steve McQueen). Jia Zhangke, der bedeutendste Chroniker der großen chinesischen Transformationen der vergangenen Vierteldekade, ging einen anderen Weg – und vertiefte sich ins eigene Archiv.
© Perlentaucher, Die Filmkolumne, 14.5.2025