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Essay: „Mangrovisches Denken“ Natur, Mensch und Gesellschaft neu verbinden

Von Ann Mbuti. Der komplexe Dialog über Umweltfragen in einer globalisierten Welt handelt davon, die Bedürfnisse von Mensch und Natur in Einklang zu bringen. Die Mangrovenwälder an der Ostküste Afrikas bieten den realen und symbolischen Raum, diesen Dialog zu denken.

Mangroven sind kein gewöhnlicher Wald. Ihre Bäume stehen nicht fest mit dem Boden verankert da, sondern stützen sich auf weitverzweigte Stelzwurzeln im seichten Wasser. Sie wirken wie urzeitliche Lebewesen, die sich auf Zehenspitzen gegen die Gezeiten stemmen.

Durch ihre Füße fließt das Süß- und Salzwasser in einem Rhythmus, den der Mond vorgibt und der den Pflanzen die Lebensgrundlage bietet. Mangroven brauchen dieses Brackwasser und gedeihen daher in Flussmündungen und Lagunen in tropischen und subtropischen Breitengraden, wo sich feine Sedimente im Boden ansammeln. Alles scheint in Bewegung, aber in einer behäbigen Geschwindigkeit, die nicht für das menschliche Auge gedacht ist. Je nach Wasserstand ragen ihre Wurzeln unterschiedlich weit aus dem weichen Schlick empor, schlingen sich ineinander, halten sich gegenseitig. Kein Baum könnte hier allein bestehen.

In alten Überlieferungen heißt es, dass manche Bäume magische Kräfte besitzen. Außerdem werden verschiedene Teile der Pflanzen als Ressourcen für Heilmittel verwendet. Ihre Rinde, ihre Blätter, selbst das salzige Wasser zwischen ihren Wurzeln werden in der traditionellen Medizin genutzt. Frauen, die sich ein Kind wünschen, sollen bestimmte Mangrovenbäume umarmen, damit ihre Bitte erhört wird.

Diese Erzählungen sind mehr als Aberglaube – sie spiegeln eine tiefe Verbundenheit mit der nicht-menschlichen Umgebung wider, die Natur und Kultur untrennbar verbindet. In den Geschichten existieren Mangroven nicht nur als Bäume, sondern als Wesen, die über ihre Artgenossen hinaus in Beziehung stehen. Auch und gerade in Zeiten, in denen die Mangrovenwälder selbst bedroht sind.

Ann Mbuti, Jahrgang 1990, ist freie Autorin und Journalistin in den Bereichen der zeitgenössischen Kunst und (Pop-)Kulturen. Ihr Fokus liegt auf Positionen und Projekten, die ein Potenzial für gesellschaftlichen Wandel haben. Derzeit beschäftigt sie sich mit Mythologien, Oral History, Science-Fiction und der Verschmelzung von Fakten und Fiktionen. Zuletzt ist von ihr das Buch „Black Artists Now. Von El Anatsui bis Kara Walker“ im C.H. Beck Verlag erschienen. Ann Mbuti lebt und arbeitet in Zürich.

© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 26.4.2025

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