Release Tipps

Release Tipps: Sounds zwischen Dystopie, dunklen Gärten und Grooves

Musik von Armando Balice, Durán Vázquez + Kloob, Jo Montgomerie, Matthias Puech und weiteren. Das ist wieder eine gute Gelegenheit, um mehrere Releases miteinander zu verbinden, die gewisse Ähnlichkeiten aufweisen. Denn sie alle arbeiten mit verschiedenen Arten von Soundlandschaften, die jeweils ihre eigene Ästhetik und Wirkung entfalten.

Ausschlaggebend waren allerdings zwei Releases. Armando Balice vom empreintes DIGITALes und Durán Vázquez + Kloob vom Crónica-Label. Beide Labels sind wahre Leuchttürme, was ihre Veröffentlichungen anbetrifft. Acousmatische Musik ist eher das Metier von empreintes DIGITALes, während Crónica eher für experimentelle Field Recordings steht. Ich würde sagen, dass sie für neugierige Hörer, die mit Herausforderungen umgehen können, geradezu Pflicht sind. Denn sie können auf neue Pfade locken. Zu jedem Release werde ich ein paar Worte schreiben, die Liner Notes sind auch mit dabei.

Und was ganz wichtig ist: Alle vorgestellten Veröffentlichungen hätten einen eigenen Beitrag verdient, was ich aber absolut nicht schaffe. Viel Spaß beim Entdecken!

Armando Balice – Du noir tout autour / empreintes DIGITALes

In seiner akusmatischen Musik arbeitet Armando Balice mit Rohmaterial, das vor Ort mit einem Mikrofon aufgenommen oder durch die Oszillationen von Synthesizern geformt wurde, als ob jeder Klangbrocken bereits die zukünftige Form enthielte und als ob diese Form, sobald sie erreicht ist, immer etwas von ihren rauen Ursprüngen bewahren müsste. Diese Musik besteht aus scharfen, fast karikaturhaften Kontrasten: Schwarz und Weiß, Stille und Lärm, Fülle und Leere. Es ist ebenso viel Schnittarbeit wie Teleskoparbeit – zartes Buntglas, das in atemähnlichen Bewegungen gegen die Betonwand prallt. Es ist ein dramatisches, aber instabiles Gebäude, bestehend aus Erhebungen, die nicht aufhören zu fallen, und Einstürzen, die sich immer wieder neu aufbauen. Aus diesen Zusammenstößen, aus diesen Balanceakten und ihren gekonnt aufrechterhaltenen Spannungen entstehen Bilder. Die Begegnung zwischen einem Cello und einem Vogelschwarm auf dem elektronischen Seziertisch des Komponisten ruft automatisch die krampfhafte Schönheit in Erinnerung, die den Zuhörer in ungeahnte, schwindelerregende Landschaften entführt. Diese Klanggärten sind fantastische Kreationen mit dunkler Lyrik, einer tektonischen Kraft, die große flache Oberflächen aus dem Boden drückt, und die scheinbar monochrome Natur dieser beweglichen Oberflächen kann die sich entwickelnden reichhaltigen Materialien kaum verbergen. In der Dunkelheit kann man immer mehr sehen, als man denkt. Und Armando Balice zieht die Geister aus dieser Dunkelheit heraus und ins apokalyptische Licht. © Texte: Liner Notes

Imposant, beeindruckend und sehr dicht prallen hier die von Armando Balice kreierten Sounds und Field Recordings aufeinander. Das ist nichts für schwache Nerven, denn gerade die großen Lautstärkeunterschiede können ganz schön erschrecken. Der Aufbau der Stücke hat eine Wirkung der Überwältigung. Gerade unter Kopfhörern wird das zu einem Erlebnis. Nur ist bei der gewählten Lautstärke Vorsicht geboten. „Rundherum nur Schwarz“ ist der Titel des Albums. Es enthält erschreckend viel Dunkelheit in all seinen imaginären Gärten, aber der Gang durch eben jene Gärten hat viele schöne Momente.

Durán Vázquez + Kloob – Vinum Sabbati, In the Dawn of Science Fiction / Crónica

Durán Vázquez und Kloob kennen sich seit über 25 Jahren und teilen ein starkes Interesse an elektronischer Musik. Anfang 2023 begannen sie gemeinsam an einem Langzeitprojekt zu arbeiten, für das die Kurzgeschichte „Novel of the White Powder“ von Arthur Machen eine wichtige Inspirationsquelle war. Machens Geschichte ist ein Vorläufer dessen, was wir heute als Science-Fiction kennen, und regte beide dazu an, über die symbolische Kraft nachzudenken, mit der Trauer und schreckliche Gefühle ausgedrückt werden können. Dies veranlasste sie dazu, eine Musik der Angst zu entwickeln, fast wie einen Soundtrack für die Geschichte.

Machens Geschichte ist Teil eines längeren episodischen Romans mit dem Titel „The Three Impostors”, wurde jedoch oft unabhängig als Kurzgeschichte veröffentlicht. In dem Text ist „Vinum Sabbati” eine Zutat für Hexerei, die Menschen verändert, zunächst durch ihre Persönlichkeit, aber letztendlich, indem sie den inneren Wurm, „der in uns allen schlummert”, physisch greifbar macht.

Durán Vázquez verwendet elektronische Elemente, die mit digitalen Mitteln ohne prozedurale oder generative Algorithmen erzeugt werden. Metamorphosen von Klangfarbe und Textur werden durch manuelle Bearbeitung älterer Software erzielt. Bei Live-Auftritten nähert sich Durán Vázquez dem Klangmaterial auf semi-improvisatorische Weise und spielt mit Synthesizern und vorab aufgezeichnetem Material mit dem Dynamikumfang. Bis heute hat er vier Alben über Crónica veröffentlicht.

Dani Kloob komponiert seit 25 Jahren elektronische Musik, von Underground-Electronic-Dance-Vibes bis hin zu atmosphärischen Ambient-Landschaften. Seit 2010 beschäftigt er sich intensiv mit Ambient und hat bei den Labels Relaxed Machinery, Winter-Light sowie ZeroK und Eighth Tower Records von Unexplained Sounds veröffentlicht. © Texte: Liner Notes

Noch düsterer, ja, ein regelrechter akustischer „Horror“, ist das, was Durán Vázquez + Kloob für uns bereithalten. Es gibt kein Entrinnen aus dieser Dystopie. Auch dieses Release ist nichts für schwache Nerven. Mitunter brutal brechen ihre Soundkaskaden über uns herein. Ihre Inspirationsquelle ist Arthur Machen, von dem ich noch nie etwas gehört habe. Ihre Musik ist quasi der Soundtrack zu seinen Geschichten, in denen allerlei Monster vorkommen. Auch hier ist die vorherrschende Farbe eher schwarz und das Ganze ist in seiner Konsequenz sehr beeindruckend. Sehr stark.

Jo Montgomerie – Ephemeral Rituals / The Helen Scarsdale Agency

Jo Montgomerie möchte nicht zu viel über ihre Quellen verraten, aber sie wird immer deutlicher und nachdrücklicher in ihrer Arbeit mit ihrem Schmelztiegel aus gedämpften Geräuschen. Der eröffnende Lärm in „Ephemeral Rituals” klingt für diese Ohren wie das repetitive Klappern einer Schreibmaschine, obwohl sie behauptet, ohne sich in die Karten schauen zu lassen, dass dies nicht der Fall ist. Daraus entsteht ein heiliger, strahlender schwarzer Schein, der das akustische Klappern mit einer erhabenen Größe fast verschlingt. Montgomerie lebt in Manchester und hat sich nach und nach ein Werk aus abstrakten, dezentralisierten Klängen zu emotional reichhaltigen, metaphorisch kraftvollen Kompositionen aufgebaut. Es reicht ihr nie, nur diese phänomenologischen Zwischenräume von Zeit, Raum, Erinnerung und Verfall zu artikulieren. Stattdessen konzentriert sie sich auf die Sehnsüchte, die Spukerscheinungen und die Zwänge, die den täglichen Rhythmus und die Rituale des Alltags prägen, und interpretiert sie neu als transzendentale elektronische Hymnen.
Auf Ephemeral Rituals zeigt sich Montogomerie geschickt im Umgang mit ihren industriellen Drones, ihren Ghost Dubs aus Klangforschung und den leuchtenden, chromatischen Auren, die wie latente Bilder aus einem zerfallenen Film erscheinen. „I Can Feel You Breathing“ hat alle Kirlian-Qualitäten der späten Phase von :zoviet*france:, durchdrungen von einer elektrischen Fluidität, während das bedrohliche „You Better Run“ an die filmische Spannung der frühen Demdike Stare erinnert.
Auf den letzten Stücken des Albums reihen sich Montgomeries hypnotische Passagen an die aerosolisierten, nicht-technoiden Facetten von Porter Ricks. All dies ergibt ein großartiges Album, das durch ihre Fotografien von urbanem Verfall, Frühlingsgewässern und mit Blütenständen bewachsenem Asphalt noch verstärkt wird. © Texte: Liner Notes

Im Vergleich zu den dystopischen Klangräumen, die doch eher statisch sind, wirken die akustischen Kreationen von Jo Montgomerie wie eine Erholung. Es sind Studien in Rhythmus, Groove und Sound. Sie haben eine sehr hypnotische Wirkung und sind ausgesprochen faszinierend. Vor allem gefällt mir, wie sich ihre Stücke entwickeln. Als Referenz finde ich Demdike Stare sehr passend, ich werde mir ihre letzten Veröffentlichungen genauer anhören. Eine starke Entdeckung!

Matthias Puech – La Traversée / Hallow Ground

„La Traversée“ („Die Überfahrt“) ist Matthias Puechs zweites Album für Hallow Ground und folgt auf „Mt. Hadamard National Park“ aus dem Jahr 2023. Tief inspiriert durch die erneute Lektüre der „Odyssee“ schuf der französische Komponist, Instrumentendesigner und Wissenschaftler mit einem Eurorack-Modularsynthesizer vier Stücke, die bei weitem die intuitivsten und emotional aufgeladensten in seinem ständig wachsenden Katalog sind. Puechs meisterhafte Beherrschung des Klangs tritt auf diesem Album noch eindringlicher in den Vordergrund. „La Traversée“ ist eine wandernde Meditation über die conditio humana, ein Album, das ständig in Bewegung ist – komplexe elektronische Musik, die so packend und bewegend ist wie kaum eine andere.

Der Grundstein für „La Traversée“ wurde gelegt, als Puech ein Live-Set für eine Tournee vorbereitete, die in Zusammenarbeit mit Hallow Ground zur Unterstützung von „Mt. Hadamard National Park“ organisiert wurde. Bevor er die ersten drei Stücke – „Ennosigaios“, „Polyphármakos“, „Nekuia“ – wurde das 181⁄2 Minuten lange „Ithâké“ Ende 2023 in fast völliger Isolation in Südfrankreich komponiert. Puech spielte das Material mehrmals live, bevor er sich für eine Weile davon zurückzog. Bei der Vorbereitung der Stücke für die Veröffentlichung griff er sie erneut auf. »Ich war überrascht, wie sehr mir der technische Prozess und die Absicht hinter der Musik völlig aus dem Gedächtnis verschwunden waren«, sagt er.

Was jedoch unverändert blieb, war Puechs Assoziation des Materials mit einem der einflussreichsten Texte der westlichen Literatur. Als er mit seinen beiden vierjährigen Kindern eine Graphic-Novel-Adaption der »Odyssee« las, bemerkte er die Wirkung, die sie auf sie und ihn selbst hatte. „Die Themen Sehnsucht, Angst vor und Anziehung zum Unbekannten, ungelöste Aufgaben und der Kampf um Kontrolle fühlten sich aktuell an“, sagt er. „Ich war völlig fasziniert. Jede Geschichte, die jemals erzählt wurde, schien in dieser alten Erzählung enthalten zu sein; jede Geschichte, die ich als Komponist jemals zu erzählen versucht habe, schien in diesem Rahmen eingeschrieben zu sein.“ Dies erstreckte sich auch auf formale Motive wie die Wiederholung von Ereignissen, narrative Entwicklungen oder dramatische Effekte, die auch „La Traversée“ prägen.

Puech sagt, dass er Homers Schrift als musikalisch empfand, „wie einen alten Delta-Blues oder einen Kontrapunkt aus der Renaissance“, was seinen Schreibprozess inspirierte. „Mit ein paar Reglern an meinem Eurorack-System konnte ich den Verlauf einer Geschichte steuern“, bemerkt er. „Dadurch durchlief ich verschiedene emotionale Zustände und kam zu Momenten, in denen plötzlich alles Sinn ergab – wenn man als Künstler einen Blick auf etwas Wesentliches erhascht, etwas Universelles berühren kann.“ Dies kommt in „La Traversée“ zum Ausdruck, einem äußerst fantasievollen Album, das sehr persönlich ist und gleichzeitig eine Geschichte erzählt, die weit über die seines Schöpfers hinausgeht. © Texte: Liner Notes

Weiter geht es mit Matthias Puech und seinem „Soundtrack“ zu Homers Odyssee. Die fantasievollen und spielerischen Stücke entstehen auf seinem Eurorack-Modularsynthesizer. Diese Musik wird zu einer abwechslungsreichen, eigenwilligen Reise durch eine Geschichte, die jeder kennt. Matthias Puech schafft es, Klangräume entstehen zu lassen, die unserer Fantasie keine Grenzen setzen, sondern sie beflügeln. Insgesamt eine spannende akustische Reise.

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