Hörbuch: „Es beginnt“ – 209 Haikus und ein Essay
„Es beginnt“ von Anja Utler ist ein preisgekrönter Trauerrefrain, der die existenzielle Krise unserer Zeit poetisch dokumentiert. Was bleibt bei Verlust und Zerstörung?
Es beginnt der Tag.
Er ließ sich nicht umgehen.
Die Pflanzen stranden
im Licht; reagieren
Mit diesen ersten Versen eröffnet Anja Utler ihre eindringliche Auseinandersetzung mit der existentiellen Krise, in die sie der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine stürzt.
In 209 Haikus dokumentiert sie die Trauer, die durch Krieg und Zerstörung ausgelöst wird. Dabei zeigt sie, wie die Verluste von Lebewesen, Lebensräumen und Gerechtigkeit uns zutiefst erschüttern und uns jede Sicherheit rauben.
Es beginnt der Tag.
Laurie Anderson besingt
the hand that takes. Die
zu kennen ist nicht gut.
Den Haikus stellt Anja Utler einen Essay zur Seite, in dem sie dafür plädiert, Gefühle nicht länger reflexhaft abzuwehren, sondern sie zu erforschen. Denn sie bezeugen nicht nur gesellschaftliche Missstände, sondern können auch Wege zu besserem Handeln aufzeigen.
2024 wurde „Es beginnt“ mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet. In der Jury-Begründung heißt es:
„Von zwei Einsatzpunkten aus findet sie zur Sprache: in einer Folge von 209 kleinsten Gedichten und in einem luziden Essay. Die Vierzeiler, deren erster Vers durchweg lautet, ‚Es beginnt der Tag‘, sind tastende Sprachkonzentrate am Rande des Sagbaren. In ihrer Abfolge bilden sie eine Litanei von größter Intensität.“
„Es beginnt“ wird von Anja Utler selbst gelesen. Ihre Stimme verleiht dem Werk eine besondere Eindringlichkeit und erzeugt eine große Intensität, die dennoch luftig bleibt.
© SWR Kultur, 6.2.2026