Mike Westbrook zum 90!
Anlässlich des Geburtstags des wohl wichtigsten europäischen Bandleaders und Komponisten Mike Westbrook möchte ich auf sein, wie ich finde, bestes Album verweisen und ich habe einen Text von Richard Williams. Dieser weist auf Mike Westbrooks neuestes Release „The Piano in the Room and the Blues“ hin.
Diese wohl wichtigste Aufnahme des britischen Pianisten Mike Westbrook kam 1982 raus und hat damals den Grand Prix du Disque de Jazz in Montreux gewonnen. Alle Musiker aus dem Westbrook-Zirkel waren bei „The Cortège“ dabei, zum Beispiel die Sängerin Kate Westbrook, ihr Kollege Phil Minton, der Saxophonist Chris Biscoe und der Gitarrist Brian Godding. Die Texte von Arthur Rimbaud, Hermann Hesse oder Gabriel Garcia Lorca sind echt bewegend. Zusammen mit dem großorchestralen Jazzklang ergibt sich eine echt europäische Mischung.
Richard Williams: The Piano in the Room and the Blues“
Mike Westbrook wird 90 Jahre alt. Um diesen Meilenstein zu feiern, hat der Meister der Langformkompositionen für große Ensembles das neueste Album einer Reihe von Solo-Klavieralben veröffentlicht, in denen er sich mit Musik auseinandersetzt, die ihm sehr viel bedeutet, und dabei die Wurzeln seines eigenen kreativen Werdegangs offenlegt.
Einige dieser Alben – „Paris“, „Starcross Bridge“, die verschiedenen Bände von „The Piano and Me“ – stellen Jazz-Standards, Gospel-Stücke, Opernmelodien, Broadway-Hits und neuere Pop-Songs einander gegenüber – in Kombinationen, die manchmal überraschend wirken, aber immer funktionieren. Das neueste davon widmet sich einem einzigen Thema, das im Titel deutlich zum Ausdruck kommt: „The Piano in the Room and the Blues“.
Zusammengestellt aus Aufnahmen, die 2006 im Falmouth Arts Centre in Devon entstanden, wo die Gemälde von Mikes Frau Kate ausgestellt waren, ist dies eine Hommage an den Blues in seiner ursprünglichsten Form, die Bessie Smith und Jimmy Yancey als Bezugspunkte nimmt: Letzteres „Death Letter Blues“ dienen als Texte, auf denen Westbrook jeweils mehrere Variationen aufbaut.
Ausgestattet mit einem Steinway-Flügel und unbegrenzter Zeit, um seine Gedanken auf einem Sony DAT Walkman festzuhalten, ohne Rücksicht auf ein Live-Publikum, versetzt sich der Pianist in eine Stimmung ruhiger Besinnung und nutzt die Tonalität und die Kadenzen des Blues, um ein emotionales Spektrum zu erkunden, das von Stoizismus bis zu stiller Freude reicht. Hier gibt es keine scharfen Kanten, keinen Versuch, das Material in ungewohnte Formen zu biegen, und vor allem keine Eile. Ein sanftes Tempo ermöglicht es Westbrook, seine lebenslange Beschäftigung mit dem Blues und die Bedeutung, die dessen tiefgründige Musik für ihn hat, in ein sehr wertvolles Dokument zu destillieren. © Text: Richard Williams (thebluemoment.com), 21.3.2026