Bandcamp Musiktipp: Xylitol – Blumenfantasie / Plante MU
Von Joe Muggs. Manchmal führen die einfachsten Formeln zu den reichhaltigsten Ergebnissen. Als Xylitol hat sich Catherine Backhouse mehr oder weniger ganz der Wiederbelebung eines sehr wiedererkennbaren, sehr zeitgebundenen Sounds verschrieben: dem der kosmischsten und epischsten Platten, die während der ersten großen Welle von Jungle und Drum & Bass in Großbritannien um 1992–95 entstanden sind.
Übrigens ist der Radiohörer ein großer „Drum & Bass“-Fan und war Anfang der 90er Jahre voll dabei. Viele davon gibt’s auch auf Vinyl, und ja, es fühlt sich gut an. Wenn ich an die Zeit und ihre Helden zurückdenke …
Die Rede ist von den Klängen von LTJ Bukem, DJ Crystl, Dillinja, Blame & Justice, Foul Play – Stücke von gewaltiger Tragweite, aufgebaut aus Breakbeats, die zu hyperkinetischen kubistischen Neuanordnungen zerhackt wurden, verankert durch tiefe Subbass-Töne, wobei endlos anhaltende Akkorde und/oder funkelnde Glockenspiele den Raum dazwischen ausfüllen.
Der Sound bekam im Laufe der 90er Jahre einen schlechten Ruf – den schlimmsten Ruf überhaupt: „Intelligent Drum & Bass“. Diese Bezeichnung war unendlich schädlich, da sie eine falsche Zweiteilung zwischen dieser bewusst schönen und ekstatischen Musik und ihren offensichtlich aggressiveren oder düstereren Varianten implizierte, verbunden mit einer impliziten, auf Rasse und Klasse basierenden Hierarchie. Doch in jener Zeit von ’92 bis ’95 existierten all die verschiedenen Stile nebeneinander in denselben Tanzveranstaltungen, auf denselben Labels, oft von denselben Leuten produziert. Und die eleganteren Platten stellten keineswegs eine gentrifizierte oder verwässerte Version von etwas Authentischerem dar; sie waren grundlegende Bestandteile der damaligen Rave-Kultur.
Backhouse hat offensichtlich ein tiefes Verständnis für den grundlegenden Charakter dieser Platten und für die Untrennbarkeit von elementarer Rave-Kraft und visionärer Schönheit in ihnen, und auf ihrem zweiten Album als Xylitol, Blumenfantasie, zollt sie all dem tiefen Tribut. Entscheidend ist jedoch, dass sie auch zwei weitere Aspekte ihrer Inspirationsquellen erfasst. Erstens, dass diese Rave-Platten ganze Geschichten experimenteller Musik enthielten, die alle gesampelt, geloopt und in ihre Strukturen eingewoben wurden. Und zweitens, dass das Gefühl psychedelischer Möglichkeiten, das billige Musiktechnologie damals ermöglichte, noch nicht erschöpft ist – und auch nicht erschöpft werden konnte. Genau wie bei jeder Folk-Form sind die Mechanismen des Cosmic Jungle nach wie vor lebendig.
Vielleicht paradoxerweise gelingt es Backhouse also gerade dadurch, dass sie keine Elemente verwendet, die nicht aus der ursprünglichen Ära stammen könnten, ihre Tracks weniger referenziell wirken zu lassen und sie vielmehr wie neue Ausdrucksformen ihrer eigenen Gefühle und Ideen erscheinen zu lassen. Wenn man hyperanalytisch vorgehen wollte, könnte man Bezüge zu minimalistischer Komposition, Filmsoundtracks und früher Synth-Musik herausarbeiten; doch all das war bereits in jenen Jungle-Platten der 90er Jahre vorhanden. Backhouses Genialität besteht darin, dass sie diese Anklänge an Sakamoto, Vangelis und Glass im Verlauf der Tracks mehr oder weniger deutlich werden lässt, jedoch nur insofern, als sie Teil der Farbpalette sind, die aus den Rave-Tagen übernommen wurde.
Es gibt hier Abweiche: Die kurzen Zwischenspiele „Tilted Arc“ und „Halo“ schwenken in gespenstischen Ambient und eine faszinierende, wie ein Uhrwerk klingende Interpretation von Grime ab. „Mirjana“ verlangsamt das Tempo, um genau wie eine großartige Jungle-Platte zu klingen, die mit 33 U/min abgespielt wird. Ansonsten ist es aber durchweg Space-Jungle – ein Beweis dafür, dass die in jenen kurzen Jahren mit heute archaischer Technologie verfeinerten Techniken nach wie vor wirkungsvolle Mittel für künstlerischen, emotionalen Ausdruck sind. Jeder Track entfaltet komplexe Ideen und eine Vision von galaktischem Ausmaß, und das Album hat auch eine übergreifende Erzählung, wobei das abschließende, gefühlvolle „Falling“ mit House-Musik-Vocal-Samples für einen überwältigenden Höhepunkt sorgt. In dem Moment, in dem man in diese Musik eintaucht, verflüchtigt sich jedes Gefühl von Retro, und das Gefühl unendlicher Möglichkeiten wird überwältigend. © Texte: Joe Muggs.