Musiktipps

Bandcamp Albumtipp: The Visitors – Motherland ((Remastered) / Jazz Dispensary

Von Michael J. West. Im Jahr 1975 war die Lage des akustischen Mainstream-Jazz kompliziert. Noch immer mit den Innovationen und dem Tod von John Coltrane beschäftigt, fand die Musik zudem gerade wieder zu ihrer alten Stärke zurück, nachdem der Rock ihr in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren die kommerzielle Vorherrschaft streitig gemacht hatte. Während Jazz-Fusion die gleichen Arenen füllen konnte wie Rockbands und sich die Avantgarde in den New Yorker Lofts neu erfand, stand der Straight-Ahead-Jazz noch auf wackeligen Beinen.

Das würde man nicht vermuten, wenn man „Motherland“ hört, das vierte Post-Bop-Album der Saxophonistenbrüder Carl (Alt) und Earl Grubbs (Tenor/Sopran), die sich als „The Visitors“ präsentieren. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Musik wird mit durch und durch kühner Selbstsicherheit und an manchen Stellen, wie im Blower „Levels“, sogar mit Wildheit präsentiert. Hinter dieser selbstbewussten Fassade sind jedoch die Ängste der damaligen Zeit deutlich zu hören.

Die aus Philadelphia stammenden Brüder Grubbs waren (über Coltranes erste Frau Naima Grubbs) Cousins zweiten Grades von Coltrane und hatten bei ihm studiert; die ursprüngliche LP-Ausgabe von „Motherland“ zeigte auf der Rückseite ein Foto, auf dem sie gemeinsam spielen. Das Album ist ganz und gar in der Spiritual-Jazz-Tradition verwurzelt, die Coltrane begründete und die von seinen Schülern, allen voran Pharoah Sanders, weiterentwickelt wurde. Der „Motherland“-Pianist Joe Bonner war ein Veteran von Sanders’ Bands; seine Ströme aus plätschernden, stählernen, kirchlichen Akkorden ergießen sich über „Kimball“ und „Fables of Africa“. Auch Earl Grubbs lässt sich ebenso sehr von Sanders wie von Trane inspirieren. St. John prägt seine Phrasierung sowohl auf dem Tenorsaxophon als auch auf dem Sopransaxophon (letzteres kommt nur bei „Motherland“ zum Einsatz), doch Earl lässt sich bei „Body & Soul“ und „Levels“ von Pharoahs Abgleiten in ein raues, grobes Timbre inspirieren. Carl hingegen beschwört durchweg Coltrane herauf, obwohl er ein Instrument spielt, das der ältere Saxophonist in seiner reifen Karriere mied.

„Motherland“ ist jedoch nicht nur von der Angst vor dem Coltrane-Einfluss geprägt. „Levels“ ist ein riffbetonter, mitreißender Hard-Bop-Kracher, der auch auf einer Platte von Joe Henderson oder Booker Ervin aus den frühen 60er Jahren zu Hause gewesen wäre; Schlagzeuger Victor Lewis kann sein wildes Können unter Beweis stellen, und die Grubbses liefern sich am Höhepunkt rasante Achtel- und Vierertakte. Hier etabliert sich die Mainstream-Jazz-Tradition neu. Das gilt umso mehr für die Interpretationen der beiden Standards „Body & Soul“ und „I Want to Talk About You“, zwei Pre-Bop-Klassiker, die sich bis in den Modern Jazz durchgesetzt hatten. Insbesondere „Body & Soul“ ist ein Klagelied für Saxophone und Klavier – und wird durch die Produktionstechniken der Mitte der 70er Jahre zufällig zu einem Paradestück für den Bassisten John Lee. Dann gibt es noch den Titeltrack und „Fables of Africa“, Stücke, die die Black-Consciousness-Bewegung thematisieren, die in Südafrika schon seit geraumer Zeit in voller Blüte stand; insbesondere „Fables“ bietet einen polyrhythmischen Groove und folkloristische Melodien, die an die Musik West- und Südafrikas erinnern.

Es wäre jedoch ein Fehler zu behaupten, dass „Motherland“ lediglich eine 50 Jahre alte Zeitkapsel sei. Diese Musik ist so lebendig und zeitgemäß wie eh und je und oft, wie in „Levels“, „Fables of Africa“ und „Kimball“, atemberaubend spannend. Sie ist ein Beweis für den Erfolg des Mainstream-Jazz bei der Wiedereroberung seines Platzes in der Musikwelt.

© Bandcamp Daily, 4.6.2026

(Visited 13 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.