Bandcamp Albumtipp: The Visitors – Motherland ((Remastered) / Jazz Dispensary
Von Michael J. West. Im Jahr 1975 war die Lage des akustischen Mainstream-Jazz kompliziert. Noch immer mit den Innovationen und dem Tod von John Coltrane beschäftigt, fand die Musik zudem gerade wieder zu ihrer alten Stärke zurück, nachdem der Rock ihr in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren die kommerzielle Vorherrschaft streitig gemacht hatte. Während Jazz-Fusion die gleichen Arenen füllen konnte wie Rockbands und sich die Avantgarde in den New Yorker Lofts neu erfand, stand der Straight-Ahead-Jazz noch auf wackeligen Beinen.
Das würde man nicht vermuten, wenn man „Motherland“ hört, das vierte Post-Bop-Album der Saxophonistenbrüder Carl (Alt) und Earl Grubbs (Tenor/Sopran), die sich als „The Visitors“ präsentieren. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Musik wird mit durch und durch kühner Selbstsicherheit und an manchen Stellen, wie im Blower „Levels“, sogar mit Wildheit präsentiert. Hinter dieser selbstbewussten Fassade sind jedoch die Ängste der damaligen Zeit deutlich zu hören.
Es wäre jedoch ein Fehler zu behaupten, dass „Motherland“ lediglich eine 50 Jahre alte Zeitkapsel sei. Diese Musik ist so lebendig und zeitgemäß wie eh und je und oft, wie in „Levels“, „Fables of Africa“ und „Kimball“, atemberaubend spannend. Sie ist ein Beweis für den Erfolg des Mainstream-Jazz bei der Wiedereroberung seines Platzes in der Musikwelt.
© Bandcamp Daily, 4.6.2026