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Prestomusic – Jazz Klassiker: Thelonious Monk – Misterioso / Riverside

Von Dan Spirrett. Tief im Herzen von New Yorks Greenwich Village nahm das Thelonious Monk Quartett 1958 im Five Spot Café das Album „Misterioso“ auf. Vor dem Hintergrund klirrender Gläser, lebhafter Gespräche und einer spürbaren Energie im Raum festigten Monk und seine Band ihren Ruf als Musiker, die Grenzen überschritten.

Im Sommer 1958 hatte Thelonious Monk endlich eine Dekade tiefer beruflicher Frustration und rechtlicher Rückschläge hinter sich gelassen, darunter den ungerechten Verlust seiner „Cabaret Card“, die ihm jahrelang faktisch Auftritte in New Yorker Clubs verwehrt hatte. Sein Meisterwerk „Brilliant Corners“ aus dem Jahr 1957 und eine triumphale, karriereprägende Serie von Auftritten im Five Spot mit John Coltrane hatten ihn schließlich vom exzentrischen Lieblingsmusiker zum gefeierten Star erhoben.

Zum Zeitpunkt dieser Live-Aufnahme war Coltrane bereits weitergezogen und wurde durch den ebenso fingerflinken Saxophonisten Johnny Griffin ersetzt. Unterstützt von der flexiblen Rhythmusgruppe mit Ahmed Abdul-Malik am Bass und dem legendären Roy Haynes am Schlagzeug, buchte das Quartett eine Reihe von Auftritten im „Five Spot“. Das Album zeichnet sich kompositorisch dadurch aus, wie die Musiker auf die Begeisterung des Publikums reagieren und das Quartett dadurch effektiv auf die nächste Ebene heben.

Die Platte beginnt mit dem treffend betitelten „Nutty“ – einem schrägen, aber dennoch swingenden Stück, das Monk mit scharfem, pointillistischem Begleitspiel einleitet. Ein absolutes Highlight ist das explosive Tenorsaxophon-Solo von Johnny Griffin, der den Rhythmus mit Intensität vorantreibt, vor dem Hintergrund von Haynes’ perfektem rhythmischen Anker, dessen präzise und flatternde Beckenmuster Griffins energiegeladenen Vortrag widerspiegeln.

Der dynamische Spielraum des Quartetts kommt in der Kombination aus „Blues Five Spot“ und „Let’s Cool One“ in der Mitte des Albums wunderbar zur Geltung. Im erstgenannten Stück, einer 12-taktigen Blues-Hommage an den Veranstaltungsort, setzt Monk Cluster-Akkorde und lange Pausen über Abdul-Maliks resonanten, tragenden Basslinien ein. Dieser rohe Rahmen geht nahtlos in die entspannteste und eingängigste Komposition des Albums über, „Let’s Cool One“, in der die Gruppe dem mitreißenden, leichten Thema Raum zum Atmen lässt. Johnny Griffin mäßigt sein übliches Hochgeschwindigkeits-Feuerwerk zugunsten eines geschmeidigeren, erzählerischen Solos, das Monk reichlich Raum lässt, um hinter ihm spielerisch zu tanzen. Griffin rückt noch stärker ins Rampenlicht, als der Rest der Band vollständig ausklinkt und es ihm ermöglicht, während seines Solos einen lyrischen Exkurs zu erkunden – ein schöner Übergang, bevor Monk sich in kaskadenartige Läufe stürzt.

Diese über 11 Minuten lange, erweiterte Interpretation von „In Walked Bud“ ist eine Hommage par excellence an den Bebop-Pionier Bud Powell und fängt die Essenz von Monks Kunstfertigkeit ein. Klavier und Tenorsaxophon liefern das wiedererkennbare absteigende Thema in engem Unisono, während die Rhythmusgruppe für eine energiegeladene Begleitung sorgt. Als Monk aufhört zu spielen, erreicht Griffins Solo neue Höhepunkte der Intensität; der in Chicago geborene Saxophonist webt ein Geflecht aus bluesigen Nuancen, Läufen im Double-Time-Tempo und hochfliegenden Altissimo-Klängen, alles begleitet von den hörbaren Ausrufen der Begeisterung des Bandleaders.

Zwei von Monks absoluten Meisterwerken: „Misterioso“ und „Evidence“ (enthalten auf späteren Neuauflagen der Five-Spot-Sessions). Der Titel „Misterioso“ baut auf einer unverwechselbaren, auf- und absteigenden Sequenz aus Dur- und Mollsexten auf – eine trügerisch schwierige Melodie, die das Quartett mühelos klingen lässt. Monks Klavierlinien sind pointillistisch und überlagern sich mit direkt nebeneinander liegenden, dissonanten Blue Notes. Dieser rhythmische Balanceakt weitet sich in „Evidence“ dramatisch aus, wobei die Melodie fast schon zu einem Katz-und-Maus-Spiel zwischen Monk und Griffin einlädt. Monk streut scharfe, isolierte Akkorde über eine Landschaft aus purer Stille und fordert den Zuhörer heraus, den Takt zu finden.

Monk wollte in seiner Rhythmusgruppe nicht nur einen Zeitgeber; er wollte einen aktiven Schlagzeuger, der seine sporadischen Akzente und plötzlichen Übergänge in pure Stille meistern konnte. Roy Haynes stellte sich dieser Herausforderung und wurde zu einer treibenden Kraft in der Band.

„Misterioso“ ist ein rohes und ungefiltertes Live-Denkmal für das Genie von Thelonious Monk, das seine Musik genau so einfängt, wie sie erlebt werden sollte. Monk verwandelt komplexe harmonische Rätsel und zerklüftete Blues-Linien in reinen, schwungvollen Schwung. (Monk verwandelt komplexe harmonische Rätsel und kantige Blues-Melodien in reine, schwungvolle Dynamik.) Nach den „Misterioso“-Sessions stieg Monk von einer Underground-Legende zu einer internationalen Ikone auf. Er unterschrieb einen Vertrag bei dem Major-Label Columbia Records, gründete sein beständigstes Quartett mit dem Saxophonisten Charlie Rouse und wurde 1964 als einer der wenigen Jazzmusiker überhaupt auf dem Cover des Time-Magazins abgebildet.

© Prestomusic, Classic Recordings, Alle Texte: Dan Spirrett, 4.7.2026

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5 Kommentare zu „Prestomusic – Jazz Klassiker: Thelonious Monk – Misterioso / Riverside

    • portfuzzleBeitragsautor

      Danke Lucky. Gut zu wissen. Ich fand die Formulierung von Dan Spirrett auch etwas gewagt, aber letztlich passt sie. Wo wir wieder bei dem Thema wären: Über Musik schreiben.

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  • Es ist die deutsche Übersetzung die da hakt. Spirrett schreibt „Monk transforms complex harmonic riddles and jagged blues lines into pure, swinging momentum“, ’schwungvoller Schwung‘ ist einfach nur witzig. Der Google-translator macht daraus „swingender Schwung“, auch nicht viel besser.

    L:)

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    • portfuzzleBeitragsautor

      Sicher, ist auch nicht besser. Mein Tool meint dazu: Monk verwandelt komplexe harmonische Rätsel und kantige Blues-Melodien in reine, schwungvolle Dynamik. Vielleicht sollte ich es in Klammern dahinter setzen.

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