John Cage in Halberstadt: Ein Klang hält die Zeit an
Von Stefan Frommann (Welt). Seit 25 Jahren spielt die Orgel in der Sankt-Burchardi-Kirche in Halberstadt schon ein Stück des Komponisten John Cage. Erst im Jahr 2640 wird es beendet sein. Nun steht ein Klangwechsel an – eine Attraktion.
Halberstadt wird das „Tor zum Harz“ genannt. Trotz der schweren Bombardierung am 8. April 1945, als 55 Prozent der Stadt in Sachsen-Anhalt zerstört wurden, hat sie ihren Charme bewahrt. Historische Teile wurden aufwendig restauriert, und die Fußgängerzone am Breiten Weg umfassend modernisiert. Kirchen zählen zu den größten Sehenswürdigkeiten Halberstadts. Der prächtige Dom im Stil der französischen Gotik und die Martinikirche mit ihren ungleichen Türmen prägen das Stadtbild. Und dann ist da noch die Sankt-Burchardi-Kirche. Sie besticht nicht durch Schönheit, sondern durch ihren ganz speziellen Klang.
Es hat nichts Feierliches, diese kreuzförmige romanische Kirche zu betreten. Kein Prunk, keine Gebetsbänke, keine noch so einfache Jesusfigur. Der Boden ist holperig, das Mauerwerk hat Risse und Löcher. Die Kirche wurde um 1050 erbaut und seitdem häufig zweckentfremdet. Mal diente sie als Scheune, mal als Brennerei und sogar schon als Schweinestall. Weltbekannt wurde sie erst in diesem Jahrtausend – als die Heimat eines musikalischen Experimentes, des John-Cage-Orgel-Kunst-Projekts, eines eigenwilligen Konzerts, das erst im Jahr 2640 beendet sein wird.
Im Herzen der Sankt Burchardi steht eine eigens dafür angefertigte, sehr schlichte Orgel. Ein Gebläse sorgt für einen ununterbrochenen Luftstrom. Kleine Sandsäcke auf den Tasten halten einzelne Töne so lange wie nötig. Vor 25 Jahren wurde das Stück „Organ/Aslsp“ dort gestartet.
© Welt, Kultur, Musik, 5.8.2026