Essay: „Textilgeschichte“ Zwischen Monogramm und Moderne – von der bürgerlichen Aussteuer zur autonomen Kunst
Von Hilka Dirks (DLF). Leibwäsche, Nachtwäsche, Bettwäsche, Tischwäsche: Mehr als 700 Stücke konnte eine bürgerliche Aussteuer um 1900 umfassen. Hier wird die Geschichte bürgerlichen Wohnens, der Emanzipation von Frauen, aber auch die Entwicklung der Textilkunst kenntlich.
„Der Frauen edelster Beruf / Zu dem sie Gott der Herr erschuf / Ist in dem Hause still zu walten / Und Fleiss und Ordnung zu erhalten“: Dieser Sinnspruch findet sich auf vielen Aussteuerschränken des 18. und 19. Jahrhunderts. Wie kaum etwas anderes repräsentiert die Aussteuer bürgerliche Ordnung und Disziplinargesellschaft.
Aus der Ordnung der für die Aussteuer typischen Weißwäsche tritt das Überhandtuch hervor: ein Stück Stoff, das meist vor Küchenschrank oder Regal hing und verdeckte, was dahinter lag. Gleichzeitig zeigte es in Form gestickter Sinnsprüche, was gelten sollte. In dieser doppelten Bewegung machte es die Haus- und Handarbeit von Frauen unsichtbar und eröffnete zugleich einen der wenigen Bereiche innerhalb der Aussteuer, in dem ein begrenzter Gestaltungsspielraum lag.
© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 28.6.2026