Musiktipps

Anna Prohaska: „Es gibt eine ganze Menge Puritanismus und Verklemmtheit in der klassischen Musikindustrie.“

Die Sopranistin Anna Prohaska im Interview über Hierarchien im Opernbetrieb, Virtue signalling auf Social Media und die Arbeit mit Daniel Barenboim. Von Hartmut Welscher.

Es gibt wenige Sängerinnen, die sich musikalisch so stilsicher durch verschiedene Genres und Epochen der Musikgeschichte bewegen wie Anna Prohaska. Wenn sie wie in ihrem mit Patricia Kopatchinskaja entworfenen Programm Maria Mater Meretrix an einem Abend Musik von Hildegard von Bingen, Crumb, Eisler, Tavener und Kurtág miteinander verbindet, wird das nie beliebig, aufgesetzt oder prätentiös, sondern bleibt stets glaubhaft, konzeptionell schlüssig und mit einem großen Sprachverständnis ausgestattet. Ich treffe Prohaska an einem Montagabend im »Weinverein Rote Insel« in Berlin-Schöneberg. Prohaska wohnt in der Nähe und kommt mit dem Rad. Sie erzählt sofort begeistert von einem Konzert der Berliner Philharmoniker mit Star-Wars-Komponist John Williams zwei Abende zuvor, das sie in einem Prinzessin-Leia-Kostüm besucht hat (»eher eine Esther Perbandt-mäßige Abwandlung«): »Ich war eine von zwei verkleideten Menschen. Erst habe ich überlegt, ob es mir peinlich sein soll, aber dann haben die Leute alle so nett geguckt.« 



VAN: Viele Häuser und Veranstalter kämpfen gerade darum, ihr Publikum zurückzugewinnen. Ist es für dich eigentlich schwieriger, vor leeren Rängen zu singen?

Anna Prohaska: Mir macht das ehrlich gesagt gar nichts aus. Ich habe mal vor Corona mit Isabelle Faust die Kafka-Fragmente [von György Kurtág] in der Kölner Philharmonie gemacht. Da passen 2.000 Menschen rein und es waren nur 200 oder so da. Aber die saßen ganz dicht gedrängt und hingen an unseren Lippen und Fingern, das war ein fantastisches Konzert.

Hast du Angst vor einem neuen Konservatismus, weil Veranstalter jetzt auf Nummer sicher gehen und nur die Schlachtrösser und Publikumslieblinge programmieren?

Ja, ein bisschen. Das wäre das Schlimmste, wenn sich jetzt alle in Traditionalismus zurückziehen und die Spielpläne darauf reduzieren, nur noch populäre, austauschbare Stücke zu machen. Dann laufen Zauberflöte, Carmen und La Bohème parallel an drei Opernhäusern in derselben Stadt … Wir sollten nach Corona auch ein wenig von dieser Schnelllebigkeit wegkommen. Man muss nicht unbedingt jeden Tag einen neuen Künstler präsentieren, sondern kann mehr mit Residenzen arbeiten, so dass ein Publikum einen Künstler oder eine Künstlerin langfristig kennenlernen kann. Das wird viel zu wenig gemacht. Es ist immer dieses Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel, diese Panik: ›Oh Gott, der war doch schon vor sechs Monaten hier, der darf doch jetzt nicht schon wieder spielen.‹ Ich fände es viel wichtiger, dass die Programme interessant sind, als dass da andauernd jemand neues auftaucht. 




© VAN Magazin, 27.10.2021

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