Best of 2023: Jochen Kleinhenz
Jeder, der in den Randbereichen der Musik unterwegs ist und Musikmagazine wie Bad Alchemy, Testcard, oder eine Kulturzeitschrift wie „Nummer“ schon mal in der Hand hatte, wird Beiträge von Jochen gelesen haben. Über u.a. :Zoviet France, David Toop, The Hafler Trio oder empreintes DIGITALes hat er geschrieben. Seine Webseite Tricktaste kann ich nur wämstens Empfehlen
Various – Quartz/Mirliton Cassettes 1971-1979 Box 1 (QMC 1-8)
Vinyl-on-demand – VOD177 | 8x LP, 1x Buch, 1x CD in Schuber (02/2023)

Das Jahr begann sehr üppig mit dieser Box (der ersten von zwei identisch aufgemachten), die einen Einblick in die englische Improvisierte Musik der 1970er Jahre gibt, anhand des ziemlich obskuren Kassettenlabels von David Toop. Es tauchten immer wieder mal Veröffentlichungen (auf Sub Rosa etwa) auf, die das Gespann David Toop/Paul Burwell (plus wechselnde Gäste) anhand älterer, bisher unveröffentlichter Aufnahmen vorstellen und deren ganz eigene Art Improvisierter Musik, mit erstaunlich wenig elektronischen Zutaten, dafür vielen Streich- und Schlaginstrumenten, die oft selbstgebaut oder modifiziert waren. Die ersten acht Kassetten (von 14) des Labels gibt es in dieser Box auf acht LPs, dazu ein dickes gebundenes Buch mit den Artworks, Liner Notes und zusätzlichen Texten, die den Geist der Zeit gut dokumentieren. Die zweite Box mit dem gleichen Umfang (sechs LPs mit den Kassetten 9–14 plus zwei LPs mit Aufnahmen von Rain In The Face, einem frühen Duo-Projekt von Toop/Burwell, plus einem weiteren 200-Seiten-Buch) kam vor wenigen Tagen an und hilft mir dabei, das Jahr so zu beschließen, wie es die erste Box eröffnet hat: Stundenlanges Eintauchen in handgemachte Klänge, der Interaktion experimentierfreudiger Musiker:innen lauschend im Buch stöbern und lesen …
Jan Van Hasselt, Christoph Ogiermann – Der Bau
Auf Abwegen – aatp92 | 2x MC, Buch in Kartonbox mit Banderole (06/2023)
Bei meiner Vorliebe für etwas aufwändiger gestaltete Editionen einerseits, Musik auf Kassette andererseits und – last not least – einem Faible für Spoken Word/Lautpoesie führte quasi kein Weg an dieser Veröffentlichung des Kölner Labels vorbei. 2021 wurde »Der Bau« als Theaterperformance in der Schwankhalle in Bremen aufgeführt, nun liegt auf Doppelkassette mit Begleitband nicht nur die Musik zur Performance vor, sondern noch zusätzliches Material – ein Querschnitt nicht nur durch diverse Spielarten experimenteller Musiken zwischen harmonischer Fläche und enervierendem Geräusch, sondern auch formal eine vielschichtige Angelegenheit: Bei Bandcamp bestellt, bieten die Kassetten (11 Tracks) andere Reihenfolgen und teilweise anderes Material (zumindest anders benannt und gegliedert) als der Download des Albums (6 Tracks, darunter »Hörspiel 1 + 2«), während in der Bandcamp-App selbst nur vier Tracks (ohne die beiden Hörspiele) abgespielt werden können. Langeweile kommt also zwischen den Ohren nicht auf, weder beim Hören noch beim Grübeln, welcher Teil der Kassette welchem des Downloads bzw. der App-Playlist entspricht …
Ich möchte das Label Auf Abwegen aber nicht auf diese eine Kassetten-Box reduzieren: Seit Jahren schon widmet sich Till Kniola ganz besonders dem Oeuvre von Asmus Tietchens, der im Juni unter dem neuen Anagramm Statische Musen mit der CD »Diskretion. Funktionsmusik für Verrichtungsboxen« (aatp 91 | CD, 06/2023) seinen schier unüberschaubaren Output einmal mehr vergrößert hat: Discogs listet aktuell 88 Alben, 23 Singles/EPs und 10 Compilations (ich darf bescheiden anmerken, dass eine EP 2003 auf meinem damaligen Online-Label erschienen ist und Asmus in unserer Dachwohnung zu der Zeit mal ein »Konzert« für eine Handvoll Leute gegeben hat). Auch Strafe F.R. (ehedem Strafe Für Rebellion) sind inzwischen mit zwei (korrespondierenden) Veröffentlichungen dort vertreten – »Soundless Sphere« (aatp73 | CD, 02/2022) und »Octagon Sphere« (aatp72 | LP, 01/2023). Die Herren Kastner und Syniuga erfreuen mich tatsächlich seit Jahrzehnten (genauer: seit der 1986er LP »Santa Maria«, erschienen auf Touch) immer wieder neu mit ihrer ganz eigenen Art elektronischer Musik zwischen Fläche und Rhythmus, die sich bei Pop, Folk und Neuer Musik gleichermaßen bedient. Wie damals ertönt auch hier sehr signifikant die Stimme von Moira Kirstin Boyd – ich vermute stark, dass hier auf Archivaufnahmen zurückgegriffen wurde, und das gefällt mir umso mehr: Wenn das Klangmaterial (hier: Gesang) Jahrzehnte später noch brauchbar ist, rekontextualiserbar, dann zeugt das nicht nur von der Stärke des Materials, sondern auch von der Qualität der Arbeit der beiden Herren, die das »aus alt mach neu« souverän beherrschen.
Und während ich dies hier in meinem oberfränkischen Zweitwohnsitz schreibe, liegt in Unterfranken bereits die nächste DoLP bereit, knackfrisch von Auf Abwegen veröffentlicht und wiederum ein klassisch zu nennendes deutsches Elektronikprojekt, das in den 1980ern begann: Cranioclasts »Arctic Salon« …
Arthur Russell – Picture Of Bunny Rabbit
Rough Trade/Audika – RT0425LP | LP (06/2023)
Arthur Russell – Instrumentals
Rough Trade – RT0307LP | 2x LP (05/2022)
Arthur Russell (1951–1992) … immer wieder Arthur Russell, den ich für mich vor etwa 20 Jahren entdeckte. Da war er schon über zehn Jahre tot, der Multiinstrumentalist und Komponist, der neben seinen Ausflügen in Folk/Country, Disco/Electro oder Minimal Music mich vor allem mit seinen intimen Soloaufnahmen begeistert – meist nur Cello und Stimme, zu Hause auf Band aufgenommen: Spröde, hypnotisch, manche Themen und Songmuster kehren immer wieder, es scheinen teilweise Dutzende Aufnahmen des gleichen Songs zu existieren – und so sind auch die meisten Alben von ihm posthum erschienen. »Picture Of Bunny Rabbit« ist eine ganz neue Zusammenstellung seiner Solo-Aufnahmen aus dem Archiv, soweit ich hören konnte bisher nur unveröffentlichte Stücke, denn och in bewährter Manier: Cello, Stimme, dezenter Einsatz von Elektronik und eine skizzenhafte Demo-Ästhetik der Stücke, die gerade deshalb so toll klingen und berühren. »Instrumentals«, schon 2022 erschienen, stellt noch einmal seine Orchesteraufnahmen aus den 1970ern zusammen (wie schon einmal auf »First Thought Best Thought«, hier allerdings etwas kompakter) – wer Russell fälschlich auf die DIY-Homerecording-Ecke reduziert, wird hier eines Besseren belehrt: Nicht nur kann er für Ensembles komponieren, sondern hier spielen auch alte Bekannte aus der New Yorker Szene mit wie Rhys Chatham, Peter Gordon, David van Tieghem oder Peter Zummo.
Pauline Oliveros – Reverberations: Tape & Electronic Music 1961-1970
Important Records – IMPREC352 | 11x CD, Booklet, Box (2022/2012)

Pauline Oliveros (1932–2016) ist den meisten, wenn überhaupt, vermutlich durch ihr »Deep Listening«-Konzept bekannt: »An aesthetic based upon principles of improvisation, electronic music, ritual, teaching and meditation. This aesthetic is designed to inspire both trained and untrained performers to practice the art of listening and responding to environmental conditions in solo and ensemble situations.« Diese Box vereint ihre frühen, rein elektronischen Experimente in den Tonstudios verschiedner amerikanischer Hochschulen aus den Jahren 1964 bis 1970 (und die möglicherweise allererste Aufnahme dieser Art im eigenen Heimstudio 1961). Mehr oder weniger »klassische« Elektronische Musik der 1960er Jahre … 2012 schon mal von Important Records veröffentlicht auf 12 CDs, nun ökonomischer auf 11 CDs verteilt. Einige der Stücke wurden dabei auch auf Vinyl veröffentlicht, wer es noch kompakter (und analoger) mag, wählt die DoLP »Reverberations 1« (Important Records IMPREC470, 2019), die die Heimaufnahme plus vier der fünf »Mnemonics«-Stücke enthält.
Carl Stone – Electronic Music From 1972-2022
Unseen Worlds – UW061 | 3x LP (08/2023)
Carl Stone ist ein weiterer von mir sehr geschätzter amerikanischer Komponist, der nicht nur souverän mit elektronischen Klängen umzugehen weiß, sondern einen ganz eigenen, unverkennbaren »signature sound« entwickelt hat. Er arbeitet überwiegend mit MAX/MSP, gewinnt seine Klänge durch Isolieren, Dehnen und Mischen beliebiger Soundpartikel, gerne aus der kitschig-populären Ecke. Das macht seine Stücke sehr anschlussfähig an diverse populäre elektronische Musiken, so dass Stone in den mittleren 1990ern mit den drei CD-Veröffentlichungen »Monogatari: Amino Argot« (Trigram 1994, mit Otomo Yoshihide), »Kamiya Bar« (New Tone, 1995) und »1196« (em:t, 1996) alle damals relevanten Spielarten abdeckte – Improvisierte Musik, Neue Musik und Electronic Listening Music/Ambient. Live war er damals auch zu sehen, sogar in Würzburg …
Davor und danach kamen die Veröffentlichungen von ihm eher unregelmäßiger, aber seit gut zehn Jahren hat er die Schlagzahl deutlich erhöht, es erscheint Album um Album, meistens neues Material, aber auch ältere Stücke. Allesamt hörenswert, auch, weil Stone es gelingt, eine ganz eigene elektronische Musik zu generieren, die bei aller Detailfrickelei einerseits, repetitiven Mustern andererseits immer einen Humor durchschimmern lässt, der mir beim Hören ein Grinsen ins Gesicht zaubert: Spaß beim Machen, Spaß beim Hören.
Genesis P-Orridge & The Hafler Trio – Dream Less Suite
cortizona – cortizona 023 | 2x LP (05/2023)
Zwei Musiker:innen, die sehr prägend für meine Geschmacksbildung waren, damals, Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre – und aus dieser Zeit stammt auch das hier enthaltene Material, das teilweise schon veröffentlicht wurde. »Alaura«/»Slave Priest« etwa hatte ich schon länger in den »falschen« Versionen auf MCD (Beilage zu einem PTV/GPO-Textbuch von 1990) – hier kommen nun die richtigen, neben anderen Aufnahmen aus der Zeit. So sehr ich die, grob gesagt, ersten zehn Jahre Hafler Trio schätzte, so wenig konnte ich den späteren Veröffentlichungen, mit wenigen Ausnahmen, noch etwas abgewinnen. Und Genesis P-Orridge war sicherlich eine sehr, sehr umtriebige (und kontroverse) Künstler:innen-Persönlichkeit, deren Output ich nicht konsequent verfolgt habe – soweit ich das überblicken kann, war er aber immer dann am besten, wenn er auch musikalisch starke Partner:innen hatte. Wie hier: Ein Flashback in die experimentelle Elektronik der eingangs erwähnten Epoche, als der Underground ästhetisch, klanglich und technisch locker aufschloss an die Elektroakustische Musik, wie sie von INA/GRM oder Empreintes DIGITALes veröffentlicht wurde. Ich gebe zu, dass ich hier nostalgisch werde … dennoch hörenswert.
Various – Magnetizdat DDR. Magnetbanduntergrund Ost 1979-1990 / Eastgerman Tape Underground 1979-1990
Edition Iron Curtain Radio – ICR07 | 3x LP (2023)

Wie das Leben so spielt: Im Buchladen verlaufe ich mich nur noch selten in die Ecke mit der Literatur zur Populärkultur/-musik … es gibt zu viele zu gute spannende Sachbücher zu Politik, Gesellschaft & Kultur allgemein, die ich gerade in mich reinfresse. Dann liegt da dieses kleine Buch aus dem Verbrecher-Verlag: »Magnetizdat DDR. Magnetbanduntergrund Ost 1979–1990« (ISBN 9783957324764), 464 Seiten dick, und da kann ich natürlich nicht daran vorbei: Damit hatte ich mich doch schon mal beschäftigt, ein Buch war das damals auch: »Spannung. Leistung. Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979–1990« (ebenfalls im Verbrecher Verlag 2006 erschienen, mittlerweile vergriffen – und wie die neue Zusammenstellung ein vom Zonic-Fanzine initiiertes Projekt). War das Buch damals deutlich schmaler, bot es immerhin 2 CDs zusätzlich zum Hören … mit ein wenig Recherche fand ich allerdings schnell heraus, dass es – begleitend zum aktuellen Buch – diese schöne Zusammenstellung auf 3 LPs gibt, die ich mir umgehend beim Label besorgt habe (nebst ein paar AG Geige-Wiederveröffentlichungen).
Und für mich auch neue Erkenntnisse am Rande: Als regelmäßiger Besucher des Festivals für Experimentelle Musik in München hatte ich The Oval Language ebendort im Dezember 2019 live gesehen und zum ersten Mal überhaupt wahrgenommen (und die ebenfalls 2019 erschienene DoLP »Waldkonzerte« gleich mitgenommen). Auf dieser »Magnetizdat«-Kompilation taucht der Name wieder auf, für mich diskursiv aber in scheinbar ganz anderem Kontext … spannend. Ebenso: Bert Papenfuß … den in diesem August an Krebs verstorbenen Lyriker hatte ich bisher eher im Umfeld des Peter Engstler-Verlags verortet, zwischen Beatpoeten und DIY-Literaten (ich hatte das zweijährig von Engstler veranstaltete Lesungswochenende in der Rhön an der Kalten Buche schon mehrmals besucht). So schließen sich dann ganz unvermutet Kreise bzw. werden ganz neue Verbindungen zwischen meiner Tonträger- und Büchersammlung sichtbar … nochmal spannend.
Claire M Singer – Saor Touch – TO:121 | CD
Bana Haffar – Intimaa‘ Touch – TO:123 | LP (2023)
Youmna Saba – Wishah Touch – T33.22 | CD (2023)
Jana Winderen – The Blue Beyond Touch – Tone 78 | LP (2023)
Das Jahr 2023 war für den Sammler der Veröffentlichungen des englischen Touch-Labels (mittlerweile seit über 40 Jahren aktiv) sicher ein sehr gutes Jahr mit qualitativ herausragenden Veröffentlichungen – dabei fällt nicht nur der Anteil an Künstlerinnen angenehm auf, der seit Jahren bei Touch hoch ist und kontinuierlich »liefert«, sondern auch der Anteil an Nicht-Europäerinnen: Die waren heuer sehr präsent, mit Bana Haffar, die mit »Intimaa’« ein starkes, elektronisches Album ablieferte – doch der Label-Neuzugang Youmna Saba beeindruckte mich fast noch mehr mit ihrer knapp 30-minütigen Suite »Wishah« (Schleier).
Claire M Singer und Jana Winderen gehören inzwischen zum verlässlichen Kern bei Touch. Während Singer eher vom klassischen musikalischen Background her experimentell arbeitet und auf »Saor« erneut den Klang der Orgel(-pfeifen) erforscht und aufbereitet, überzeugt Winderen ein ums andere Mal mit ihren Unterwasser-field recordings – wobei auf »The Blue Beyond« weniger das Verstärken leisester Geräusche im Vordergrund steht (vgl. etwa »The Noisiest Guys On The Planet«, 2009), sondern eher die Interaktion dieser mit (oder: Verschmutzung durch?) Geräuschen der Zivilisation (Schiffe, Motoren etc.). Selbstbewusst trägt das Stück auf der ersten Seite der LP »The Art Of Listening« im Namen, und wie bei den meisten Touch-Veröffentlichungen der jüngeren Zeit finden vermutlich diejenigen schneller Zugang, die hörend von den Harmonien her kommen (Ambient) und weniger von den Melodien und Rhythmen (Pop/Klassik).
Natürlich drückt mich nun leicht das schlechte Gewissen – mit Philip Jeck & Chris Watson (Oxmardyke | CD), Carl Michael Von Hausswolff & Chandra Shukla (Travelogue: Bali | CD) oder Ozmotic & Fennesz (Senzatempo | LP) wurde das Touch-Jahr für mich so richtig rund, auch das Umfeld (Ash International, The Tapeworm/The Wormhole) hat nicht enttäuscht.
Various – Sounds From….. EMS – Synthi
Feral Child Records – FC39 | 7″ (2023)
Manches bekomme ich wirklich nur zufällig mit … so auch diese kleine Perle, die Wiederauflage einer 7“, die die EMS-Synthesizer promoten sollte mit Klangbeispielen. 1972 als Flexi-Single veröffentlicht und (als Prospekt-Beilage) verschenkt, 2023 bei Feral Child auf Vinyl wiederveröffentlicht, waren die 250 Stück der limitierten Neuauflage schnell vergriffen; das liegt nicht zuletzt auch an der liebevollen Aufmachung – samt EMS-Anzeigen aus der Zeit und sogar einem bedruckten Bierdeckel mit dem Label-Design. Dankenswerterweise konnte ich tatsächlich ein Exemplar ergattern, zu einem moderaten Preis samt moderaten Portokosten (aus England – da müssen Plattenkäufer wie ich, die gerne direkt bei Labels bestellen, mittlerweile ziemlich happige finanzielle Kröten schlucken). Da die 7“ in Mono gehalten ist und langsam dreht (33 RPM), bietet sie tatsächlich um die 15 Minuten Gesamtspielzeit und mit Delia Derbyshire und David Vorhaus (aka White Noise) sogar einige recht bekannte Namen (am Synthi) auf. Die Klangqualität ist eher rustikal, dafür stimmt das Gesamtpaket, denn zwischen den Stücken gibt es erklärende Worte, die den ganz eigenen englischen Humor so zur Schau tragen wie das heimliche Highlight der 7“, das letzte Stück auf der A-Seite, im Titel: »An Ornithologist Who Is Trying To Study Birds But Is Interrupted By A Wasp, A Lawnmower And A Lady Trying To Sing«.
RRoxymore – Perpetual Now Smalltown Supersound – STS411LP | LP (11/2022)
Sleaford Mods – UK Grim Rough Trade – RT0391LP | LP (03/2023)
Sleaford Mods – More UK Grim Rough Trade – RT0436T | 12“ (10/2023)
»Der Rhythmus, wo ich immer mit muss« … nein, ich bin kein erklärter Stephan Remmler-Fan, eher dient das Zitat dazu, meine persönliche Neigung zu elektronischer Tanzmusik neben der zu abstrakten Klängen zu betonen. Das Feld ist ja irre groß, und so kommt es nur noch selten vor, dass ich hier wirklich Neues für mich entdecken kann – Hermione Frank etwa, eine DJane, die Berliner:innen möglicherweise aus den hippen Clubs Berghain oder Panorama Bar bekannt ist unter ihrem Künstlernamen Rroxymore. Ich weiß gar nicht mehr, wo und warum ich auf sie stieß, aber das Probehören ihres Ende 2022 erschienen zweiten Albums »Perpetual Now« überzeugte mich restlos (vom ersten hab ich allerdings die Finger gelassen, das klang mir zu konventionell). Sie verbindet abstrakte elektroakustische Klänge mit clubtauglichen Rhythmen und Harmonien – kurzweilig, eingängig, aber nicht billig gefällig. Ganz schön raffiniert finde ich diese vier Tracks, die sich auf zwei LP-Seiten breitmachen.
Die etwas rotzigere Gangart – Electropunk, you name it – liefern in bewährter Manier Sleaford Mods. Wie bei allen ihren Alben gibt es auch hier Licht und Schatten, also gnadenlos gute Elektroknaller neben (meist) überdurchschnittlichen Stücken. Die Verbindung extrem reduzierter, aber catchy Loops (Andrew Fearn) mit den sozialkritischen Lyrics (Jason Williamson) wird gerade immer dann spannend, wenn die beiden singende Gäste hinzunehmen – »Force 10 from Naverone« (mit Florence Shaw) und »So Trendy« (mit Perry Farrell) sind perfekt. Mein heimlicher Liebling auf dem Album ist aber »Tory Kong«, ein Uptempo-Spottgesang auf die englischen Konservativen. Ergänzend kam im Herbst noch eine EP hinterher, mit »Big Pharma« als wohl gelungenstem Track (nebst viralem Video – nichts für sensible Gemüter, trotz Trickfilm-Ästhetik). Zum Jahresende überraschen die beiden dann noch mit einer Coverversion des Pet Shop Boys-Klassikers »West End Girls« … da sind sie aber so verblüffend werkgetreu (und das Porto aus England liegt weit über dem Preis der 12“), dass ich passen muss.