Best of 2024Best Of The Years

Best-of 2024: Kai

Zuletzt habe ich 2021 hier beim Radiohörer eine Jahresliste beigetragen. Damals hatte ich den Verlust der SWR-Sendung „Radiophon“ zu beklagen. In diesem Jahr hat der SWR sein „Musikstück der Woche“ eingestellt. Ein vergleichsweise geringerer Verlust, wenn auch immer noch ein Verlust, zumindest, wenn man sich auch ein bisschen für „klassische Klassik“ interessiert. Dennoch: Mein radiophones Jahr war 2024 erst einmal weniger schlimm als 2021.

Wie sah’s bei Alben aus? Da gab’s für mich folgende Highlights:

Rafael Toral: Spectral Evolution

Für mich die schönste Großkomposition des Jahres 2024, mit einem großen Spannungsbogen und zugleich äußerst ungewöhnlichen wie auch wohltuenden Klängen. Außerdem liebe ich als Vogelliebhaber auch noch die Meise auf dem Cover. Anspieltipp: Einmal komplett durchhören.


Cosa Brava: Z Sides

Die ersten beiden Alben von Fred Friths Cosa Brava waren deutlich songorientiert und standen somit eher in der Tradition der Art Bears, des „Gravity“-Albums und der Skeleton Crew als in der stärker improvisatorisch geprägten Tradition der späten Henry Cow, der späten Massacre oder des Fred Frith Trios. Ganz ohne Improvisation macht der Meister Frith es aber natürlich auch meist nicht, und so ist dieses collagierte Album herausgefallen, für das der Live-Sound-Effekts-Mann Norman Teale Schnipsel aus Cosa-Brava-Konzert-Mitschnitten in abwechslungsreicher Art und Weise zusammengesetzt hat. Anspieltipps: „Vinljubo“, „Vivial“, „Nuregra“.


Laura Jurd & Paul Dunmall: Fanfares and Freedom

In den vergangenen Jahren habe ich immer gerne gesagt, dass Laura Jurd für mich der/die neue Mike Westbrook ist. Das kommt auf dieser Kollaboration mit Paul Dunmall nicht mehr ganz durch, aber macht nichts. Die Idee eines Festivalveranstalters war prima: Man bringe die beste junge Komponistin des aktuellen britischen Jazz mit einem Improvisatoren der klassischen britischen Free-Jazz-Szene zusammen und schaue, was bei diesem Generationenclash so herauskommt. Ich mag Jurd immer noch lieber, wenn sie ihre eigene Handschrift in von ihr selbst allein geleiteten Bands voll zur Geltung bringen kann, aber das hier ist immer noch eine spannende Begegnung zweier Charakterköpfe. Anspieltipps: „Onward Stomp“, „Chorale“.


Amy Denio: Varieté

Amy Denios neues Album bringt Filmmusik für den 1925er Stummfilm „Varieté“ von Ewald André Dupont. Gespielt wird es von einem 12köpfigen Ensemble, in dem Streicher und Holzbläser dominieren. Es ist auch wieder ein Fagott dabei, aber ganz so großartig wie ihre Kollaboration mit den Christof Dienz und seinen Knödeln auf „Non lo so, Polo“ ist das neue Werk nicht. Trotzdem: Solides Handwerk und schöne Melodien. Anspieltipps: „The New Attraction“, „The Three Artinellis“, „Table Dance – Corridor“.


Martina Trchová: 90% stěstí

Es ist wohl nicht schwierig, zu meinem liebsten Popalbum des Jahres gekürt zu werden, da es zugleich mein einziges Popalbum ist, das ich mir in diesem Jahr zugelegt habe. Trotz meines Interesses an tschechischer Musik hatte ich die Künstlerin bisher nicht auf dem Schirm, aber nach zwei, drei Musikvideos auf Youtube war ich überzeugt, dass das hier etwas Emfpindsames und Schönes ist, eine Liedermacherin, deren musikalisches Ausdrucksspektrum abwechslungsreich zwischen Indie, Folk, Chamber, Art und Rock pendelt. Anspieltipps: „XX“ und „Nové otazníky“.



David Garland: Noise in You (New Version)

David Garland hat sein 2007er Album „Noise in You“ neu herausgebracht. Das ist aber nicht einfach nur ein Remastering, sondern Garland hat neu mit den Songs gearbeitet – in den meisten Fällen hat er E-Basslinien hinzugefügt und nach eigener Aussage den „Rhythmus besser organisiert“. Ich kannte das ursprüngliche Album bisher gar nicht, ein Album, auf dem viele der Gäste seiner Radioshow (Spinning on Air bei WNYC) als Gastsänger:innen aufgetreten sind, kann somit nicht vergleichen. Aber er beweist auch hier, dass er neben Peter Blegvad einer der beiden größten US-amerikanischen Singer/Songwriter ist, und ein bisschen Bass hat noch keinem guten Song geschadet. Anspieltipps: „Diorama“, „Every Bird“, „Drop by Drop“, „Noise in You“.


Nick Didkovsky: Profane Riddles

Das Cover dieses Albums mit neuen Solo-E-Gitarren-Stücken von Nick Didkovsky deutet an, dass die Produktion etwas mit Formeln, Algorithmen und Mustern zu tun hat – was nicht verwundert, das sind ja in gewisser Weise Lebensthemen Didkovskys. Aber man muss sich über die Gemachtheit dieser Stücke eigentlich keine Gedanken machen, sie können als interessante Klanggebilde ganz für sich alleine stehen. Anspieltipps: „This Scared Purity…“, „The Hand, Palm upward, Finger Curled in Ecstasy“, „Wherever I Am I Be“.


Tomeka Reid Quartet: 3+3

Tomeka Reid und Mary Halvorson sind ein Dream-Team, da war klar, dass hier etwas Gescheites herauskommen musste. Anspieltipp: „Sauntering with Mr. Brown“


À propos Anspieltipps: Die Top 20 meiner im Jahr 2024 am häufigsten gehörten Stücke habe ich auf Mastodon und X kurz vorgestellt. Darunter sind dann auch ältere Schätzchen, die bereits vor 2024 erschienen sind.

Wichtig: Der Link zu X funktioniert nur, wenn man dort angemeldet ist!

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5 Kommentare zu „Best-of 2024: Kai

  • Das klingt ganz nach dem Kai, mit dem ich vor vielen Jahren mal einen Blog gemacht habe… lange ists her. Du warst Fred-Frith-Fan, bei SFRP aktiv, und hattest auch einen eigenen Blog (Spring Any Day Now). Vielleicht täusche ich mich auch, aber es wären große Zufälle!

    Jedenfalls sind die vorgestellten Musikstücke sehr inspirierend. Ich wünsche ein schönes Reinkommen ins neue Jahr.

    Liebe Grüße,
    Lucky 🙂

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    • Hallo Lucky, schön, Dich mal wieder zu sehen. Auch Dir ein frohes neues Jahr!
      Ja, ich bin Dir durch einige Deiner vielen Transformationen gefolgt, angefangen habe ich glaube ich bei Bordermusic. Danach weiß ich die Reihenfolge nicht mehr, aber da gab’s Lucky Psychic Hut, Lucky Dusty Hut, Lust Corner (mit Gidouille und Godard) und wahrscheinlich noch das ein oder andere dazwischen. Deine Mixcloud-Sachen sind natürlich sehr toll, aber da war die Schlagzahl schnell so hoch, dass ich beim besten Willen nicht mehr mitgekommen und deshalb leider ganz ausgestiegen bin.
      Wenn ich mich nicht irre, wohne ich übrigens seit einigen Jahren ganz in der Nähe von Deiner alten Heimat. (Falls Du das überprüfen möchtest, findest Du entsprechende Angaben in diesem Impressum: https://sermo-de-arboribus.de/moers-festival/about )

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      • Hi Kai, danke für Deine nette Antwort. Das ist spannend was Du über meine „Schlagzahl“ sagst. Zu viel schreckt ab, das höre ich da raus. Da möchte ich mal drüber nachdenken. Ich habe versucht, mich von Erwartungen frei zu machen, und bin ganz meiner eigenen Nase gefolgt. Aber ich höre, was Du sagst! Ich bin jetzt seit vielen Jahren bei oranglucky.blogspot.com heimisch, Mixcloud ist allerdings passé, da sie konstenlosen Content auf 10 Stück beschränkt haben.

        Meine alte Heimat ist im gleichen Bundesland, stimmt. Allerdings 50 km nördlich von Stgt. Da bin ich aber überhaupt nicht mehr. In Hamburg gehts mir gut, das Westwerk und FatJazz sind schöne Plätze zum Live-Musik-Hören. John Hughes, ein amerikanischer Ex-Pat und Kontrabassist veranstaltet immer wieder spannende Konzerte.

        Hier beim radiohoerer ist auch ein schöner Ort, sich zu treffen! 😀

        Gruß,
        Lucky

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        • Ah, habe ich mich doch geirrt, ich hatte von irgendwoher Reutlingen im Kopf, also südlich, nicht nördlich von Stuttgart. Natürlich nicht ganz so viel los hier, was Live-Musik betrifft. In den Reutlinger Pappelgarten kommt ab und zu Nils Wogram, im Tübinger Sudhaus hab‘ ich mal ein fettes Konzert von Trilok Gurtu gesehen. Aber ich bin eh ein Ausgehmuffel und damit ein Konservenhörer. Schaue gerne die Tage mal wieder bei Oranglucky vorbei und schaue mal, ob mich mit Deinem Format verspätet noch anfreunden kann 😉
          Liebe Grüße, Kai

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          • Ich bin in Heilbronn am Neckar aufgewachsen. Da gab es das Cave 61, wo ich mal das Marty Cook/Allan Praskin Quartet gesehen habe. Das hat mich sehr geprägt. Platten hat das Quartet leider nicht aufgenommen, aber v. a. Cook hat tolle Sachen in München aufgenommen und rausgebracht.

            Ausgehmuffel klingt bei mir auch an. Ich schaffe es aber, mich ab und zu zum Konzertgehen zu zwingen – ist eine andere Sache als am Rechner oder der Anlage. Und manchmal gibt es sogar ein Schwätzchen, wie neulich mit Wilbert de Joode und Jan Klare. Das ist spannend.

            Ich freue mich über Feedback, und über einen so netten wie Deinen, Kai, allemal! Danke dafür…

            L:)

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