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Bob Dylan: Sein Songbook ist eine Rock-Bibel und ein Geschichtsbuch

Am 24. Mai wird Bob Dylan achtzig. Seine Bedeutung als Singer/Songwriter ist unbestritten. Wiederholt wurde ihm indes vorgeworfen, die eigenen Ideale zu verraten. Zu Unrecht. Von Martin Schäfer

Blicken wir zurück zum Anfang, nach Duluth, Minnesota, der Hafenstadt am Lake Superior, wo Robert Allen Zimmerman am 24. Mai 1941 geboren wurde. Gut zwanzig Jahre zuvor hatte man hier drei afroamerikanische Zirkusarbeiter unter falschen Beschuldigungen gelyncht; von den Toten wurden darauf hämische Postkarten verkauft.

«They’re selling postcards of the hanging», sang Bobby Zimmerman alias Bob Dylan 1965 in «Desolation Row». Der historische Zusammenhang wurde erst Jahrzehnte später bekannt. Zunächst dachte man einfach: Was für verrückte Bilder dieser unwahrscheinliche Sänger immer wieder findet! Aber schon zeigte sich: Dylans Phantasie ist offen für die Realität.

Was immer man von ihm halten mag – Bob Dylan ist Amerikas Hamlet. Er klagt an. Aber er ist auch ein Elefant, der sich an alles erinnert. Zum Beispiel vor einem Jahr in «Murder Most Foul», einem 17 Minuten langen Rezitativ über die nach wie vor rätselhafte Ermordung von Präsident John F. Kennedy im November 1963. Schon 1964 hatte Dylan mit dem epischen Langgedicht «With God On Our Side» die ganze blutige Geschichte der USA von den Indianerkriegen bis zur drohenden Atomkatastrophe aufgerollt.

© NZZ, Feuilleton, 24.5.2021

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