„Brave Rebellen“ Nikolai Okunews Studie „Red Metal“ über Metal in der DDR

Die wohl größte Subkultur der späten DDR? Heavy Metal! Der Stasi war das suspekt. Mit wehenden Fahnen in die Schlacht, die Flammenlanze angesetzt gegen das Heer von Zombies, in Drachenschiffen auf zu neuen Beuteufern. Von Tobias Prüwer.

Die Metal-Realität in der DDR sah ganz anders aus, als sie in heroischen Songs des Genres besungen wird. An Provinzbahnhöfen lungerten Heavys herum, nahmen Hunderte Kilometer Anreise in Kauf, um Konzerte zu besuchen in Lokalen wie der „Gaststätte Erbgericht“ in Putzkau oder „Zum Lüttewitz“ in Döbeln. Wie die Metal-Szene in der späten DDR tickte, hat der Historiker Nikolai Okunew erforscht und in Red Metal festgehalten.

In Ruhe headbangen

Der Buchtitel ist leicht irreführend, weil er kommunistischen Metal suggeriert. Und das waren die Bands in der DDR und die dortigen Metal-Fans nicht. Der Titel soll vielmehr vermitteln, dass beide ohne realsozialistische Verhältnisse nicht denk- und verstehbar waren. Okunew zeigt vor allem, wie das Alltagsleben der Fans sich gestaltete, welche Grenzen und Möglichkeiten Musiker hatten, aufzutreten und sich zu professionalisieren, und wie die staatlichen Institutionen diese Subkultur beargwöhnten, die Okunew die „wahrscheinlich größte jugendliche Subkultur“ der DDR-Achtziger nennt. Der Beleg dafür bleibt vage, aber dass die Metalheads auch im kleinsten Dorf vertreten waren, steht außer Frage. Der Boom begann Mitte des letzten DDR-Jahrzehnts, ausgelöst oder besonders beflügelt durch die Ausstrahlung eines Konzerts mit Iron Maiden, Def Leppard und anderen im ZDF. Das Westfernsehen wurde auch hier zum Fenster der Welt.



Red Metal Nikolai Okunew Ch. Links Verlag 2021, 352 S., 25 €

© der Freitag, Kultur, Musik, 48/2021


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