Brian Ferneyhough wird 80 „Immer nur rein in den Komplexzess“ Von Dietmar Dath
Teils beinah seriell, dann aber sehr speziell: Dem klangschriftbesessenen Komponisten Brian Ferneyhough zum Achtzigsten.
Eine Gespensterspinne stakst auf einem Kissen voll heiß angehaltenen Atems herum und sticht dabei mit ihren Beinchen Lücken in die Wolke, bis Glutluft stoßweise pfeifend entweicht – darf man das Soloflötenvirtuosenstück „Cassandra’s Dream Song“ (1970) von Brian Ferneyhough so beschreiben?
Zwei Textblätter, die eine Lunge und zwei Hände verpflichten, ein paar schwer lesbare Musikschriftzeilen in fixer Reihenfolge zu spielen und obendrein allerlei anderes, ebenfalls da notiertes Material sich kreuzen oder schneiden zu lassen: So hart springt dieser Komponist mit Einzelnen um, aber Ensembles geht’s bei ihm nicht viel besser; wie das 2004 in München uraufgeführte Bühnen-Opus „Shadowtime“ belegt, das den Begriffsdichter Walter Benjamin aus der Todesfalle seiner letzten Stunden entführt. Kaum hat hier eine erste Szene den Rahmen historischer Begebenheiten abgesteckt, der im Folgenden verlassen werden soll, wird schon dem Engel der Geschichte (dessen Flügel eine Gitarre schlagen) sein schwerer Gang in breiten Schüben angegeigt, was einen Schneegestöberschwarm musikalischer Ideen aufscheucht, den kein Dirigat je wieder einfangen könnte.
© FAZ, Kultur, 16.1.2023