Der israelische Trompeter Avishai Cohen bringt nackte Wahrheiten auf die Bühne

Traurige Elegien und strenge Fanfaren. Abstrakte Konzepte und spontane Inbrunst. Israelische und amerikanische Musikerinnen und Musiker machen das Festival «unerhört!» am Samstagabend zum Forum der Menschlichkeit. Von Ueli Bernays.

Eine grossartige Sache, dieses gleissende, metallische Ding. Man hält die Trompete an den Mund, bläst hinein, und dann erschallen klare, pralle Klänge direkt aus der Seele. Bei Instrumenten handelt es sich eigentlich um Fremdkörper, die unsere Ausdrucksmöglichkeiten in alle Richtungen verstärken sollen. Und doch geht es in der Musik und ganz besonders im Jazz darum, dass man sie sich aneignen oder geradezu einverleiben kann.



Avishai Cohen gelingt das so gut, dass seine Trompete zu einem Sprachrohr wird, zu einer zweiten Stimme. Gleich zu Beginn seines Konzerts am Samstagabend im Rahmen des Zürcher Festivals «unerhört!» gibt der Israeli den Ton an – mit weichen Fanfaren, die sich zu sentimentalen Botschaften fügen. Es ist, als würde er mit seinem Instrument sprechen oder singen, und dabei lässt er bisweilen Raum für die körperlichen Signale des Seufzens und Schnaubens. Zumeist aber scheint sein bald virtuoses, bald elegisches Spiel eingebettet in das ruhige Pneuma des Selbstvertrauens.



NZZ, Feuilleton, 27.11.2022

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