„Der Renegat“ Ein Typus zwischen Fakt und Fiktion von Thomas Palzer

Früher kannte man den Begriff des Renegaten nur aus dem Dunstkreis des Stalinismus. Der hatte die Eigenheit, im Verlauf seines Bestehens die eigene Anhängerschaft zu dezimieren, indem immer mehr Mitglieder als Renegaten abgeurteilt wurden.

Und noch heute hebt sich das linke Spektrum dadurch hervor, dass es eine hartnäckige Vorliebe dafür besitzt, Mitglieder, die aus irgendwelchen Gründen in Ungnade gefallen sind, aus der Partei auszuschließen – also diejenigen, die vom Dogma und der rechten Lehre abgefallen sind. Zuletzt zu besichtigen bei der SPD in der causa Theo Sarrazin – ein waschechter Renegat! Ebenso, wie der ehemalige Spiegel-Redakteur Matthias Matussek, der Ex-APO-Anwalt Horst Mahler oder der Ex-SDSler Frank Böckelmann, der heute die Zeitschrift „Tumult“ herausgibt.
Der Renegat ist eine Kippfigur, die gerade in Mode gekommen zu sein scheint – in Zeiten zwischen Fakt und Fiktion. Renegaten sind ehemalige Neinsager, die dann zum wiederholten Mal „Nein“ sagen (lateinisch re – negare). Erst „Nein“ zum ehemaligen Establishment, dann „Nein“ zu den damals vehement vertretenen Ansichten. Hängen sie ihr Fähnchen in den Wind oder sind sie die wahren Intellektuellen, die mit ihren eigenen Fehlern brechen?
Nach der französischen Philosophin Simone Weil gehört zu den hartnäckigsten Renegaten, mit denen es der Mensch zu tun hat, die Wirklichkeit selbst. Die verstünde nämlich zu den gängigen Theorien, die über sie gerade im Umlauf sind, auf je spezifische Weise „Nein“ zu sagen. Immer stimmt irgendwas nicht, passt nicht ins Konzept, sprengt die Theorie oder läuft der Logik zuwider. Aber ist nicht auch ein Kennzeichen des Renegaten zu glauben, nur er wisse alles besser, weil ihm beide Seiten vertraut sind? Ist der Renegat als Idee ein Gewinn, in der Praxis aber eine Nervensäge? Es ist an der Zeit, diesen Typus genau unter die Lupe zu nehmen.



© Bayern2, Nachtstudio, 16.2.2021

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