der Freitag: „Wir brauchen Literaturkritik!“ Michael Maar macht sich ein paar grundlegende Gedanken.
Der WDR will Buchrezensionen aus seiner Morgensendung streichen. Viele sind empört. Michael Maar macht sich ein paar grundlegende Gedanken.
Die Romantiker hatten, wie so oft, übertrieben. Friedrich Schlegel fand, Poesie könne nur durch Poesie kritisiert werden und die Philologie sei eine Kunst, die keineswegs unterhalb der Originalkunst rangiere – insgeheim setzte er sie vielleicht sogar eine kleine Etage höher. Kritik als Kunstform – es war ein hoher Anspruch, den Schlegel, aber auch ein Spätromantiker wie Walter Benjamin erfüllten. Die Anlässe und Auslöser ihrer Kritiken sind heute vergessen, überlebt hat ihre Meta-Poesie.
Darin immerhin hatte Schlegel nicht übertrieben: In der Literaturkritik ging es um die Kunst und die Form. Gute Literaturkritiker wissen, dass es eben darauf ankommt: die höhere Einheit von Inhalt und Form, von Stoff, Stil und Struktur. Und nicht darum, den Plot zu referieren oder sich ins Innenleben von Figuren zu versetzen, die doch zunächst nur aus Sprache bestehen. Auch wenn man nicht die Schlegel’schen Ansprüche hat: Kann man sich in der Literaturkritik wenigstens auf Urteile einigen?
© der Freitag, Debatte, 07.02.2021