DerStandard: „Miles Davis‘ schwarze Hexenbraukunst“ Mit seiner Platte „Bitches Brew“ versuchte der Welt größter Jazztrompeter, die Gräben zwischen den Kulturen zuzuschütten
Der Erstickungstod von George Floyd in Minneapolis, Ergebnis brutaler, rassistischer Polizeigewalt, hätte Cool-Trompeter Miles Davis womöglich in geringes Erstaunen versetzt. Davis (1926–1991), daran gewöhnt, die Jazzmusik etwa alle fünf Jahre komplett umzukrempeln, war Amerikas spektakulärster Hipster.
Von Ronald Pohl
Er hatte der afroamerikanischen Musik eine vordem für undenkbar gehaltene Eleganz verliehen. Davis überwand nacheinander den Bebop, den Hardbop, den modalen Jazz und besiegte obendrein die eigene Heroinsucht. Er fühlte sich in Juliette Grecos schwarz gewandeten Armen, an den Ufern der Pariser Seine, wohl am besten aufgehoben. Der starke Arm des US-Gesetzes hingegen verging sich rücksichtslos am ansehnlichsten Vertreter „schwarzer“ Kultur.
Als Davis 1959 vor dem „Birdland“ dem Tabakgenuss frönte, wurde er prompt von einem weißen Ordnungshüter schikaniert. Der Trompeter zeigte, an die Adresse des Polizisten gerichtet, nicht ohne gebührenden Stolz auf das Programmschild: „Miles Davis, das bin ich! Und wer sind Sie?“ Die „Cool Cat“ unter den Jazzern fand sich wenige Augenblicke später blutverschmiert auf der nächsten Polizeiwache wieder….
© Der Standard, Kultur, Musik, 9.6.2020
https://youtu.be/wOA9_TdRFt4