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„Die Macht der Vorläufigkeit“ Eine kurze Geschichte über Wissen und Glauben in der Jahrhundertkrise

Gewiss ist nur das Ungewisse – lautet nicht so die Lehre der Corona-Katastrophe? Nach zwei Jahren Vollzeitpandemie lässt sich alles Reden und Tun, lässt sich die Suche nach Auswegen, die kulturelle und politische Debatte, auf einen Begriff reduzieren: Evidenz. Von Christian Schüle.

Das ganze vielstimmige Argumentieren, Ableiten, Widerlegen, Nachweisen, Überprüfen, Bezweifeln und Kritisieren ist ein ununterbrochener Appell an Evidenz: an eine letztgültige, offensichtliche und unhintergehbare Gewissheit, von der aus alles Handeln begründet und gerechtfertigt werden kann. Evidenz gibt Halt und Sicherheit und ist das Fundament einer aufgeklärten Wissensgesellschaft, in der die Übereinkunft über Wissen mittlerweile aber ebenso zu schwinden scheint wie die Überzeugung, alle Bürger seien gleichermaßen mündig und aufgeklärt. Doch es gibt ein Problem, denn Evidenz ist so vorläufig wie das Wissen selbst – fragil, angreifbar, unzuverlässig. Das Evidente ist oft gar nicht evident und steht womöglich im Zentrum des Konflikts zwischen wissenschaftlicher Empirie und moralischen Werturteilen. Die Anrufung der Evidenz als letzte Gewissheit hat ihren Preis und setzt etwas offenbar ganz und gar Unwissenschaftliches voraus: Glauben. Ohne Glauben an die Evidenz der Evidenz ist Wissen nicht glaubwürdig.

Christian Schüle erzählt die Geschichte der Gegenwart als Geschichte der Vorläufigkeit. Sein Essay untersucht das Spannungsverhältnis von Wissen und Glauben im Ringen des Menschen um Wahrheit in der Jahrhundertkrise.



© Bayern2, Nachtstudio, 5.4.2022

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