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Pop-Anthologie (140): „Jetzt musst du fliegen“ Von Lorenz Jäger

Die Gruppe It’s a Beautiful Day zählt zu den Pechvögeln der Pop-Ära um 1967. Ihr melancholisches Lied „White Bird“ wurde trotzdem zu einer Hymne des fortdauernden Hippiesommers.

Die Band hieß It’s a Beautiful Day. Das passte zu Kalifornien im Allgemeinen, wo die Mitglieder lebten, es passte im Besonderen zum Hippie-Summer-of-Love des Jahres 1967, als die Formation sich gründete. Auch dazu, dass standardisierte Bandnamen – The Platters, The Everly Brothers – nun durch surreal verrätselte Erfindungen abgelöst wurden. Jefferson Airplane (als Imperativ zu übersetzen, dann ergibt sich der Sinn: Heb ab!) genoss damals große Autorität, hier also hieß es sinngemäß: Schöner Tag an der Westküste heute, entspann dich. Darin lag ein Versprechen, wie überhaupt das Jahr ’67 ein unendliches Versprechen gab. Aber es wurde nicht gehalten, aus der Gruppe wurde einer der wenigen echten Pechvögel dieser Jahre.



Zum großen (und fast einzigen) Erfolg des schönen Tags wurde paradoxerweise ein Lied an der Grenze zur Depression, das in den süßesten, schönsten, zartesten Melodien eine traurige Winterzeit schildert: die eines gefangenen weißen Vogels im goldenen Käfig. Gold und weiß sind an sich die edlen, festlichen Farben, beliebt in liturgischen Zusammenhängen. Hier treten sie auseinander, dem Vogel ist die weiße Unschuld eigen, der Käfig ist der goldene des Wohlstands der sechziger Jahre. Und vor allem: Draußen regnet es, der Vogel ist allein. Abgefallene Blätter werden die lange schwarze Straße entlang geweht, ein dunkler Himmel zürnt. Inzwischen sitzt der weiße Vogel – nun mit dem Pronomen „she“ angesprochen – weiter ungekannt im Käfig. Sie muss fliegen oder sie wird sterben. „Fly“ reimt sich auf „die“: Heb ab oder stirb, so lautet das Echo auf Jefferson Airplane. Der Vogel träumt von den Espen (man nennt sie auch Zitterpappeln, „Zittern wie Espenlaub“ ist eine geläufige Redensart), deren sterbende Blätter sich golden verfärben und der Käfigfarbe antworten. Der Vogel wird im Käfig alt. Sonnenuntergänge kommen und gehen, Wolken ziehen vorbei, die Erde selbst altert. Die Augen des jungen Vogels hören nicht auf zu glühen. Noch einmal: Sie muss fliegen oder sie wird sterben.



© FAZ, Feuilleton, Pop-Anthologie, 14.4.2022

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