Musiktipps

Ein Jahr Mediendiät: Der Januar 2024

Eine Beitragsreihe von Jochen Kleinhenz. Mehrmals im letzten Jahr (2023) kam ich an einen Punkt, an dem ich begann, den Überblick zu verlieren über die Neuzugänge in meinen Bücher- und Plattenregalen resp. -stapeln.

Das liegt nur bedingt an meinen beschränkten Möglichkeiten, was Regale anbelangt – denn wer wie ich in einer Dachwohnung wohnt, weiß um den Mangel an geraden Wänden, an denen sich Regale aufstellen lassen. In unserer Altbau-Dachwohnung kommt dazu, dass das Haus in Würzburg steht: Eine der Städte, die zum Ende des Zweiten Weltkriegs völlig zerstört wurden – wie »unser« Haus auch, das dann mit dem brauchbarsten Schutt wiederaufgebaut wurde. Dass der Dachstuhl nicht mit verkohlten Balken, sondern frischem Holz angelegt wurde, klingt tröstlich – dennoch hat mir schon beim Einzug im Jahr 2000 mein baukundiger Trauzeuge beim Anblick des dünnen Gebälks geraten, aus statischen Gründen die schweren LPs und Bücher möglichst breit zu streuen …


Fotomontage: Jochen Kleinhenz


… was ich auch beherzigte. Allerdings war damals nicht bedacht, dass, sollte ich meine Art der Beschäftigung mit Medien, zu der neben dem Hören und Lesen eben auch meistens das Aufbewahren gehört, nicht ändern, die Möglichkeiten der breiten Streuung irgendwann an einen Endpunkt kommen würden. Und 2023 schien dieser Punkt erreicht. Für die Statistik-Interessierten: die Quote der Neuzugänge an Tonträgern (LP, MC, CD) lag bei über 2 Alben je Woche, die der Bücher nochmal deutlich höher. Und ich muss noch etwas präzisieren: Als ein »Album« zähle ich die 12″-EP, die ich zufällig irgendwo entdecke und abgreife, genauso wie die Box mit acht LPs und gebundenem Buch (von der Sorte habe ich mir 2023 gleich zwei gegönnt, die Quartz/Mirliton-Boxen von VOD). Auch CDs und MCs zählen hier als jeweils ein Album, machen aber zusammen allerhöchstens ein Drittel der über 100 Alben aus.
Besonders kritisch wurde meine Selbsteinschätzung, als Anfang Januar ein Päckchen aus England eintraf: »Westend Girls« von Sleaford Mods, die 12″ zusammen mit einem T-Shirt … hatte ich nicht in meinen Jahres-Charts hier erst vor kurzem behauptet, die 12″ aus Kostengründen nicht bestellt zu haben? Ich hatte diese Bestellung tatsächlich schon völlig vergessen …
Der Beschluss, 2024 konsequent keine Neuzugänge mehr aktiv zu akquirieren, sondern ausschließlich den Bestand zu pflegen, im Bestand zu lesen und zu hören, war schnell gefasst und ließ – bei über 6000 Tonträgern sowie vermutlich genau so vielen Büchern (hier nehme ich mal die Regale meiner Frau mit dazu) – keinen echten Mangel befürchten, da auf ein Jahr beschränkt. Längst kaufe ich ja nicht mehr nur neue Alben, sondern fülle auch Lücken … oder gönne mir gar Doubletten (wie dekadent!), wenn eine bestimmte, meistens neue Auflage einen echten Mehrwert verspricht gegenüber anderen Exemplaren desselben Albums im Bestand. Ein Jahr Pause sollte also machbar sein.

Solche Doubletten sind auch die vier Alben von David Sylvian, die ich mir 2023 nochmal zugelegt habe, auf Vinyl – digital hatte ich sie bereits: »Blemish« (2003) und »Manafon« (2009) als CDs, »Sleepwalkers« (2010) und »Wandermüde« (2012) als digitale Alben aus Apples iTunes-Store, AAC-codiert. Die Jahreszahlen verraten es: Die Alben sind etwas älter, aber 2022/2023 frisch auf Vinyl wiederveröffentlicht (»Blemish und »Manafon«) bzw. erstmals überhaupt auf Vinyl veröffentlicht (»Sleepwalkers« und »Wandermüde«) – die beiden letzteren übrigens auf Herbert Grönemeyers Label Grönland.
Das Sylvian-Vinyl lohnt nicht nur des größeren Cover-Artworks wegen – auch die Pressungen sind sehr gut. Und die Musik? Gehört für mich zum Besten, was David Sylvian jemals gemacht hat: Ich mochte schon seine eingängigeren Alben und war anfangs ziemlich überrascht über die sehr experimentelle Gangart, mit der »Blemish« und »Manafon« daherkommen. Im Gegensatz zu den meisten Die-hard-Fans half mir meine »Vorbildung« in experimentellen bzw. abstrakteren Klängen aber rasch, den Zugang zu finden. Andererseits ist Sylvian nicht der erste, der sich vom Pop-Olymp hinab begab in die Untiefen experimenteller Klänge: Remember Scott Walker (1943–2019)? Der konnte vor Jahrzehnten ganz andere Erfolge in der Populärmusik verbuchen, durchlebte in den 1970ern beinahe alle Highs und Lows, die Star-Karrieren eigen sind, fand ab 1984 (»Climate Of Hunter«) seine Nische, in die er sich immer weiter zurückzog, um dann mit einigen der verstörendsten Alben (»Tilt« 1995, »Bish Bosch« 2012, »Soused« 2016) Fans der Walker Brothers auf ewig zu verschrecken.

Zurück zu David Sylvian: »Blemish« wird ganz stark geprägt von minimalen, beinahe abstrakten Backing-Tracks – und der Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Derek Bailey (1930–2005), einer Legende der englischen Improvisierten Musik, sowie mit Christian Fennesz auf einem Track. Das Album dokumentierte vor zwanzig Jahren Sylvians größtmögliche Distanz zu allem, was auch nur entfernt noch Popmusik sein könnte. Radikal, aber bei weitem keine Anti-Musik – Sylvians Stimme ist auch hier durchgehend warm, voller Seele, vielleicht direkter als sonst. Und wo gesungen wird, sind eben auch Songs. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Solo-Alben, auf denen einerseits die Songstrukturen immer in einer Perfektionierung von Pop- oder Rock-Stilistiken aufgingen (bester Querschnitt hier die Zusammenstellung »Everything And Nothing« aus dem Jahr 2000), andererseits schon früh teils ausgedehnte Ausflüge in ambiente Gefilde stattfanden (wie in den Zusammenarbeiten mit Holger Czukay Ende der 1980er etwa), reduziert Sylvian hier die Songstruktur fast gänzlich auf seine Stimme, die auf einem ganz reduzierten, spröden elektronischen und reverblastigen Grundgerüst erklingt, das auf einigen Stücken von Derek Bailey (resp. Fennesz) mit Akzenten auf der Gitarre verfeinert wird. Magisch. Und unglaublich, dass dieses Album schon 20 Jahre alt sein soll – klingt knackfrisch und absolut zeitgenössisch, gerade auf Vinyl.

»Manafon« treibt das Konzept von »Blemish« nochmal weiter, nun mit deutlich mehr Gastmusikern aus der experimentellen resp. improvisierten Musik: Das Personal reicht von jüngeren Klangtüftlern wie Christian Fennesz, Burkhard Stangl oder Otomo Yoshihide bis hin zu Mitgliedern von AMM (John Tilbury, Keith Rowe), die schon extreme Tonträger veröffentlichten, als die vorgenannten noch die Grundschule besuchten. Während der Gesang ähnlich spröde daherkommt wie auf »Blemish«, ist im übrigen Spektrum der gebotenen Klänge hier deutlich mehr los.
Beide Alben werfen jedenfalls die Frage auf, ob die Trennung in melodisch-harmonisch-rhythmisch einerseits und abstrakt-experimentell andererseits, die sich auch durch weite Teile meiner Sammlung zieht, tatsächlich unumgänglich ist. David Sylvian bietet auf diesen Alben jedenfalls ganz eigene, ungewöhnliche Antworten darauf. Auch zu »Manafon« gibt es ein Remix-Album (»Died In The Wool | Manafon Variations«, 2011), aber wie bei »The Good Son Vs The Only Daughter (The Blemish Remixes)« ist hier noch keine Vinyl-Ausgabe in Sicht.

»Sleepwalkers« enthält einen Querschnitt durch Sylvians Zusammenarbeiten in den 2000ern (Nine Horses, Readymade, Steve Jansen, Ryuichi Sakamoto, Christian Fennesz u.a.) und ergänzt die Zusammenstellung »Everything And Nothing«, verschiebt deren Fokus von Sylvians eigenen Veröffentlichungen aber auf solche, bei denen er vornehmlich als Gast(-vokalist) zu hören ist – ästhetische Brüche zu seinen eigenen Kompositionen und Veröffentlichungen sind keine zu erwarten, denn Sylvian ist bei denen zu Gast, die er selbst regelmäßig zu sich einlädt: »Spielst du bei mir, sing ich bei dir« … ob nun Sylvian der Dreh- und Angelpunkt ist, um den sich eine Art Szene von Musiker:innen mit ähnlichen musikalischen Vorstellungen und Herangehensweisen gebildet hat, kann ich nicht beurteilen. Auffällig jedenfalls, dass zu der Zeit ähnliche personelle Konstellationen auf anderen Alben zu hören waren, insbesondere denen von Christian Fennesz: Burkhard Stangl & David Sylvian auf »Venice« (2004, der Track »Transit« ist auf »Sleepwalkers« enthalten), Keith Rowe (AMM) auf »Afternoon Tea« (2009, zusammen mit Oren Ambarchi, Pimmon und Peter Rehberg) sowie ein üppiges Doppelalbm von Fennesz & Sakamoto (»Flumina«, 2011). Gut, hier macht sich der Autor auch noch als Fennesz-Fan kenntlich … 😉

Vom ersten Remix-Album »The Good Son Vs The Only Daughter (The Blemish Remixes)«, das zwei Jahre nach »Blemish« 2005 erschien (im gleichen Jahr verstarb Derek Bailey) und das Material deutlich rhythmisiert (und poppiger, zugänglicher) zeigte durch Remixe von verschiedenen Producer:innen, ist leider immer noch kein Vinyl in Sicht … auf »Wandermüde« nahm sich schließlich 2012 Stephan Mathieu die Tonspuren nochmal vor für ein instrumentales Album und übersetzte »Blemish« in Flächen und Drones. Da lohnt sich durchaus vergleichendes Hören – »Velvet Revolution« etwa zieht das zentrale reverblastige Motiv des Titeltracks »Blemish« (bzw. von »The Heart Knows Better«) so weit auseinander, dass die Obertöne und Feedbacks in aller Seelenruhe aus den Nischen des Tracks herauskriechen und sich im Raum ausbreiten können. Kein bloßer Remix, der dem Original ein paar neue Details anfügt, sondern ein Ambient-Album allererster Güte, das die Qualitäten der Instrumentalspuren des Orignial-Albums nochmal herausstreicht. Und eine sehr gut klingende Doppel-LP auf kristallklarem Vinyl. Lohnenswert auch die Anmerkungen auf Sylvians Website zu dem Album. Dort findet sich auch Sylvians Hinweis, diese experimentellere Herangehensweise vorerst nicht weiter zu verfolgen – ohne sie allerdings für die Zukunft vollständig auszuschließen: »I seem to be open to a variety of possibilities at this moment in time. In the short term I anticipate a return to slightly more formal structures than in the recent past but I intend to pursue multiple directions simultaneously.« Hoffentlich.

Mit einem fokussierten Durchhören dieses Sylvian-LP-Quartetts fing also mein »enthaltsames« Jahr 2024 an – nicht der schlechteste Start, wie ich meine.

Um 2024 auch wirklich gut versorgt zu sein, hatte ich im Dezember 2023 noch drei Alben von Strafe Für Rebellion geordert – ebenfalls Lückenschlüsse: Beim Debüt von 1983 (inkl. 7“ und Beilage) habe ich auf Discogs etwas mehr als üblich investieren müssen, aber in (für mich) noch vertretbarem Rahmen. »Pianoguitar« hatte ich 1995 ausgelassen, die Vorgänger »Öchsle (Bad People Have No Songs)« (1992) und »Moor« (1993) hatten mich seinerzeit nicht mehr so überzeugt wie die Alben zuvor; auch »Sulphur Spring« (2014) war mir entgangen. Also habe ich mit diesen drei Nachzüglern meine Strafe Für Rebellion-Sammlung endlich komplettieren können, ergänzt um zwei ganz hervorragende Kompilationen, die die Düsseldorfer (Kassetten-)Szene der 1980er dokumentieren: »Klar!80 – Ein Kassetten-Label Aus Düsseldorf« (2023) und »Sammlung – Elektronische Kassettenmusik, Düsseldorf 1982–1989« (2017), beide bei Bureau B erschienen, beide ebenfalls mit Stücken von Strafe Für Rebellion u.a. So weit, so gut also …

… wenn da nicht der Umstand wäre, dass die von der österreichischen Klanggalerie veröffentlichte »Sulphur Spring«-CD, die ich als Neuware (wie auch »Pianoguitar«) zum regulären Preis erwerben konnte, die »falsche« CD enthielt: Offensichtlich war damals zuerst eine CD mit nur elf statt zwölf Tracks (und abweichenden Mixen/Laufzeiten) im Handel gelandet, das Label Klanggalerie schob wohl die »richtige« CD der »falschen« hinterher. Die Nachfrage beim Label ergab, dass es solche Exemplare aber nicht mehr gibt, beide CD-Versionen sind längst vergriffen. Auch hier half Discogs – allerdings erst im Januar 2024. Verdammt! Und leider hatte der Anbieter noch eine Doppel-7“ von Christine Sun Kim zusammen mit Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris) für den gleichen schmalen Taler wie die Ersatz-CD im Angebot. Da konnte ich nicht widerstehen … womit der Start in die Enthaltsamkeit leider gründlich misslungen ist. Zum »Trost« habe ich mir nicht nur gleich noch einen Kassettenbausatz der Tödlichen Doris bei Bandcamp geordert, der Ende Januar erhältlich sein wird – als ich für meine Frau im Buchladen ein bestelltes Buch abholen sollte, lagen da nicht nur zwei Bücher für mich bereit (bestellt 2023, nebenbei bemerkt), sondern ich zog zwei weitere für mich aus den Regalen.

Fazit Januar 2024: Mein »enthaltsames« Jahr wird nur noch maximal elf Monate zählen, der Januar musste bereits vor der Monatsmitte als »verloren« gelabelt werden. Ende Februar folgt dann hoffentlich der erste echte Bericht, wie ich 2024 nur mit meinem Bestand die selbstauferlegte Enthaltsamkeit überbrücke – wenn nicht wieder was dazwischen kommt. 😉 © Alle Texte, Bild und Videoauswahl: Jochen Kleinhenz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert