Er hält den Schlüssel zur Musik in der Hand – Gidon Kremer zum 75. Geburtstag
Spät hat ihn die Musik des Schostakowitsch-Freundes Mieczysław Weinberg gepackt. Doch seither setzt sich Gidon Kremer mit der ihm eigenen künstlerischen Überzeugungskraft für diesen Komponisten ein. Am Sonntag wurde der grosse Geiger 75 Jahre alt. Von Christian Wildhagen.
Gidon Kremer hat sich anstecken lassen. Nicht vom elenden Coronavirus, sondern von einem Fieber, das schon deutlich länger in der internationalen Musikwelt grassiert. Es ist das «Weinberg-Fieber», eine zum Glück vollkommen ungefährliche, aber auf andere Weise viral gehende Form der Begeisterung, und zwar für einen Komponisten. Seinen Namen trägt es nach Mieczysław Weinberg, dem 1919 in Warschau geborenen und 1996 in Moskau gestorbenen Freund und Schützling von Dmitri Schostakowitsch. Kremer ist heute der bedeutendste Vorkämpfer für eine Renaissance von Weinbergs packender Musik.
Als Geiger, Festivalleiter und Orchestergründer hatte Kremer früher schon zahlreichen anderen Komponisten aus der ehemaligen Sowjetunion zum Durchbruch im Westen verholfen, unter ihnen Arvo Pärt, Sofia Gubaidulina und Alfred Schnittke oder auch Kremers lettischer Landsmann Pēteris Vasks; sie alle sind heute wesentlich dank seinem Engagement sogar in klassischen Konzertprogrammen etabliert. Bei Weinberg hingegen war der sonst so entdeckungsfreudige Kremer kein Pionier, eher ein spät Bekehrter, wie er mit Bedauern eingestanden hat: «Ich schäme mich, dass seine Musik erst so spät in mein Leben getreten ist.»
© NZZ, Kultur, 25.2.2022