Essay: „Für die Demokratie eintreten“ Loyalität als Haltung in schwierigen Zeiten
Von Maike Weißpflug. Lange war die Demokratie als Staatsform im Westen unangefochten. Doch mittlerweile erleben wir sogar in den westlichen Demokratien Angriffe auf sie, auf den Rechtsstaat und seine Institutionen. Wie können Demokraten und Demokratinnen dem entgegentreten?
Wenn es darum geht, aktiv betriebenen Aushöhlungsversuchen oder durch Unterlassungen in Kauf genommenen Erosionsprozessen demokratischer Gemeinwesen etwas entgegenzusetzen, dann hat der Ökonom und Sozialwissenschaftler Albert O. Hirschman (1915-2012) eine spannende Antwort. Er unterscheidet drei Reaktionsmöglichkeiten auf Missstände, die sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik vorkommen: Abwanderung, Widerspruch und Loyalität. Von diesen drei Reaktionsmöglichkeiten ist Loyalität die überraschendste. Warum soll man einem Gemeinwesen, das seinen Bürgern vor allem als Bürokratie gegenüber tritt, mit Loyalität begegnen?
Loyalität zur Demokratie und zu den rechtsstaatlichen Institutionen erweist sich gerade heute angesichts des Aufstiegs autoritärer Parteien als eine empfehlenswerte, ja robuste Haltung, die den Schwächen demokratischer Institutionen entgegentritt, um die Demokratie selbst zu stärken.
Maike Weißpflug ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet als Beteiligungsexpertin in der Endlagersuche für hochradioaktive Abfälle beim Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE). Zuletzt veröffentlichte sie die Bücher „Hannah Arendt – Die Kunst, politisch zu denken“ (2019) und „Hannah Arendt – 100 Seiten“ (2024).
© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 11.5.2025