Essay: Heiteres Mäandern – Über Vorzüge des geschwungenen Lebens
Von Volker Demuth (DLF). Das Lineare ist die Signatur der Moderne: Von der Vermessung der Welt bis zu linearen Wachstumsmodellen. Aber hat lineares Denken nicht eigentlich ausgedient? Gilt es, ein Lob Mäanders anzustimmen als Modell für Natur, Gespräch und Politik?
Seit Renaissance und Aufklärung dominiert die Gerade – in Stadtgrundrissen, Karrieren, Fortschrittsnarrativen. Das ganze moderne Leben folgt einer linearen Logik: Effizienz, Fortschritt und Zielstrebigkeit prägen Denken, Stadtplanung und Biografien. Diese Orientierung an der Geraden hat eine rationale, aber auch zerstörerische Ordnung hervorgebracht.
Und heute zeigen sich mehr denn je die Schäden der Linearität. Nicht nur begradigte Flüsse werden „renaturiert“. Brauche wir – um die Gegenwart zu meistern und die Zukunft zu gewinnen – nicht die Wiederentdeckung der geschwungenen Linie? Und damit ein mäanderndes Denken, das für Relationen, Offenheit und Wandel steht, das eine Poetik der Umwege pflegt anstelle Argumente, die alles über den gleichen rationalen Leisten schlagen?
In Natur, Kommunikation und Gesellschaft zeigt sich, dass Lebendigkeit aus Berührung und Abweichung entsteht. Gegen die starre Linearität gilt es, eine entspannte, ökologisch sensible Kultur zu entfalten.
Volker Demuth, geboren 1961, ist Lyriker, Schriftsteller und Essayist. Er studierte in Tübingen und Oxford Philosophie, Literaturwissenschaft und Geschichte. Er war Dozent für Medientheorie und Professor für Mediengeschichte und Medientheorie an der Fachhochschule Schwäbisch Hall. Seine Spezialgebiete sind die Theorie der Narrativität sowie die Körper- und Technikgeschichte. Außerdem hat er Hörspiele und Features geschrieben. Zuletzt erschienen: Fossiles Futur. Gedichte (2021); Niederungen und Erhebungen (2019); Der nächste Mensch (2018).
© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 14.12.2025