Essay: Irgendjemand muss doch schuld sein – aber keinesfalls ich ;-)
Von Tina Klopp. Die Gesellschaft rutscht immer weiter nach rechts, der Krieg wieder näher an Europa und nebenbei taut auch noch der Permafrostboden. Schuld daran sind immer die anderen.
Das Dasein als solches ist voller Kränkungen, Zurückweisungen und Mühen. Einen Anspruch auf ein glückliches Leben gibt es nicht – auch wenn viele Menschen zu denken scheinen, sie hätten es verdient.
Es ist fast ein Reflex: Für erlittenes Unglück konstruiert das Gehirn im Handumdrehen eine Erklärung. Ein/e Schuldige/r muss her. Die Kausalkette hat jedoch meist einen blinden Fleck: die eigene Beteiligung. Und leider gibt es auch ohnehin kein Weltgericht, bei dem sich ein besseres Leben einfordern ließe.
Zufällig befinden sich die Schuldigen immer außerhalb der eigenen Bubble: Die Migranten sind schuld, dass die Krankenkassenbeiträge steigen; die Grünen daran, dass wir mehr Geld für erneuerbare Energien ausgeben sollten. Und im Zweifel steht der Arzt im Verdacht, uns krank machen zu wollen.
Was wäre gewonnen, wenn wir stattdessen selbst die Verantwortung übernähmen? Und wäre es nicht stilvoller, sich in seiner Wut zumindest auf die wirklich Mächtigen zu stürzen, statt immer auf diejenigen einzuprügeln, die nur die Nachricht übermitteln (zum Beispiel die Grünen) oder denen es gar noch schlechter geht (zum Beispiel die Geflüchteten)?
Tina Klopp, geboren in Hamburg, promovierte 2016 an der Hochschule für Bildende Künste (HFBK), hat Germanistik und Politik studiert und die Deutsche Journalistenschule besucht. Sie erhielt u.a. den Friedwart-Bruckhaus-Förderpreis, das Hörspiel-Stipendium des Deutschen Literaturfonds und das Hörspiel des Monats der Akademie der Darstellenden Künste. Sie arbeitet seit 2014 als Redakteurin beim DLF, wo sie 2024 das neue podcast-Format „und jetzt?!“ erfand.
© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 1.5.2025