Filmtipp: „Asura“ von Hirokazu Koreeda oder „Die Risse in der Fassade“
Von Tobias Obermeier. Eine Serie über die Sexualmoral Japans in den siebziger Jahren. Vier Schwestern finden heraus, dass ihr Vater eine Affäre mit einer deutlich jüngeren Frau unterhält. Das bringt die Fabel über die Sexualmoral im Japan der siebziger Jahre ins Rollen, die der Regisseur Hirokazu Koreeda in seiner Serie“Asura“ erzählt.
In „Asura“ wie auch in seinen Filmen erzählt Koreeda nicht in dichotomen Kategorien wie Gut und Böse. Das Ergründen menschlichen Verhaltens und die Verständigung untereinander stehen im Zentrum, nicht die Skandalisierung von Missständen und menschlichen Verfehlungen. Das Zeigen vor allem die zahlreichen Momente, in denen die Figuren beisammensitzen, sich gegenseitig necken, Pläne schmieden und nicht zuletzt gemeinsam essen. Immer wieder ist die japanische Esskultur Thema, etwa wenn dem Vater Lachsrogen als Geschenk mitgebracht, im elterlichen Garten gemeinsam Kraut eingelegt oder in einer großartigen Szene Sukiyaki, ein japanischer Eintopf, zubereitet wird und sich alle darüber freuen, wie das hauchdünn geschnittene Rindfleisch langsam gart.
Die Traditionen – einige der Charaktere tragen noch Kimonos als Alltagskleidung – und die vielen Rituale, die den Alltag bestimmen, sind hier Fluch und Segen zugleich. Einerseits sind sie Ausdruck der gesellschaftlichen Normen, die die Frauen an einem unabhängigen, modernen Leben hindern. Andererseits geben sie den Schwestern in ihren Erinnerungen an das gemeinsame Aufwachsen tiefen Halt und spenden eine Wärme, der man sich auch als Zuschauer nur schwer entziehen kann.
© JungleWorld, Dschungel, 06.03.2025