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Great Black Music – Ancient To The Future! AACM Vocal Ensemble + AACM ‚Now‘ Generation im Konzert

2015 war beim Deutschen Jazzfestival in Frankfurt, der Schwerpunkt „50 Jahre AACM”. Zu hören gibt es das AACM Vocal Ensemble + AACM ‚Now‘ Generation.

AACM Vocal Ensemble

„Mouth Percussion“ – die Fähigkeit, allein mit dem Atem, der Stimme und dem Mund rhythmische Muster zu erzeugen, wurzelt tief in der afrikanischen Musiktradition. Das AACM Vocal Ensemble greift bewusst auf diese archaischen Techniken zurück und erweckt so das AACM-Motto „Ancient to the Future“ zu neuem Leben. Mal klingt das Quartett wie eine vokale Rhythmusmaschine, dann wieder glaubt man, in ihrem melodischen Schnalzen, Zischen und Schnattern zwischen Naturlauten, Tierstimmen und menschlichen Gesängen nicht mehr unterscheiden zu können.

Taalib-Din Ziyad und sein Sohn Saalik Ziyad haben sich mit den Sängerinnen Ann E. Ward und Dee Alexander verbündet, um den Jazzgesang zu revolutionieren. Während der sanfte Bariton von Saalik nicht zuletzt aus der klassischen Balladentradition schöpft, wird die Stimme von Taalib immer wieder mit der Bassstimme des in der ‚black community‘ noch heute hochverehrten Bürgerrechtlers, Schauspielers, Sängers und Sportlers Paul Robeson verglichen. Saalik begann im Alter von sieben Jahren seine Gesangsfähigkeiten zu entdecken, die er zunächst im Chicago Children’s Choir erprobte. Nach einem weiterführenden Studium an der Northern Illinois University begann sein „lebenslanges Lernen“, als er sich Ende der Neuziger der AACM anschloss.

Auch Saalik Ziyad erhielt nach ersten Chor-Erfahrungen eine Ausbildung als klassischer Sänger an der Chicago Music School. Doch nachdem er das Album „John Coltrane and Johnny Hartman“ gehört hatte, war er von den Möglichkeiten des Jazzgesangs fasziniert. 1991 schloss er sich der AACM an und leitete dort zunächst das Trio 7th Sphere. Seine Kollegin, die Sängerin Ann E. Ward, wurde dagegen in ihrer Kindheit vor allem durch die Musikalität schwarzer Gottesdienste und durch die Stimmkraft von Theateraufführungen sozialisiert. Bevor sie ihren eigenen Gesangsstil im Ensemble der Ken Chaney Experience weiter kultivieren konnte, verlegt sich Ann E. Ward zunächst auf das Studium von Piano und Orgel. Ende der 90er begann Sie dann, an der AACM School of Music zu unterrichten, wo sie auch ihre Gesangskollegin Dee Alexander kennen lernte. Dee gilt als die vielseitigste Stimmartistin des AACM-Zirkels. Berührungsängste kennt sie keine, denn sie oszilliert in ihrem Vokalstil beständig zwischen Gospel, Rhythm’n’Blues, Jazz und Neo-Soul. So wurden ihre brillanten Scat- und Swing-Fähigkeiten immer wieder in Bands von Ahmad Jamal, David Sanborn, Earl Klugh oder Joshua Redman abgerufen.

„African Chants – American Songs“ – vielleicht lässt sich so das Programm des AACM Vocal Ensemble am besten umschreiben. Auch für diese Gruppe gilt das Diktum des Gründungsvaters Muhal Richard Abrams: „Unser Zusammenhalt ist so stark, weil wir einander als Individuen respektieren.“

AACM VOCAL ENSEMBLE
Ann E. Ward: voc
Dee Alexander: voc
Saalik Ziyad: voc
Taalib-Din Ziyad: voc

AACM ‚Now‘ Generation

Einen einheitlichen AACM-Stil sucht man vergebens. Muhal Richard Abrams, der bis heute unverzichtbare Ratgeber der Bewegung, hat jüngst erklärt: „Unser Stil besteht darin, die Leute zu ermuntern, selbstsicher zu werden.“ Dies haben auch die Musiker der jüngsten AACM-Generation beherzigt. Die Mitglieder ihres ‚Now‘-Generation-Ensembles kommen aus den unterschiedlichsten Kulturszenen: Während die Vokalistin und Komponistin Coco Elysses ihre Inspirationen aus dem Schauspiel und der Literatur schöpft, ist Khari B. in der amerikanischen Slam-Poetry-Szene zu Hause. Bandleader und Trompeter Ben LaMar Gay wiederum versteht sich als Geschichtenerzähler auf seinem Horn in der Tradition eines Clifford Brown oder Miles Davis. Nebenbei hat er sein Instrument in Rap-Duos oder 50-köpfigen Sinfonieorchestern im Spiel.

Die Cellistin Tomeka Reid, die erst im Jahr 2000 nach Chicago kam und sich fünf Jahre später der AACM anschloss, begreift sich als Vertreterin der Avantgarde. In ihrem Quartett mit der Gitarristin Mary Halverson – ihr Auftritt war im vergangenen Jahr ein Highlight des 45. Deutschen Jazzfestivals Frankfurt – gelingt ihr immer wieder die Illusion, ganze Passagen der Musik auskomponiert wirken zu lassen, obwohl sie komplett improvisiert sind. Der gebürtige Chicagoer Trompeter und Trap-Drum-Virtuose Jerome Croswell bezieht sich dagegen explizit auf westafrikanische Trommeltraditionen. Seine Stilistik an der Trompete erinnert bisweilen an die Vorleistungen von Freddie Hubbard und Wynton Marsalis. Komplettiert wird die AACM ‚Now‘-Generation-Formation durch den Sänger Saalik Ziyad – ebenfalls Mitglied im AACM Vocal Ensemble.

Was dieses Septett, das noch nie zuvor in Europa aufgetreten ist, auf die Bühne bringt, erinnert in seinen besten Momenten an die Performance-Qualitäten des Art Ensemble of Chicago. Wellenförmig breiten sich die Stücke aus, entwickeln einen scheinbar nie versiegenden Atem. Meditative Passagen, in denen sich Gesangsstimmen zu einem versunkenen Jazzgebet versammeln, kontrastieren mit hektischen, fast bebopartigen Passagen. Aus dickflüssigen Klangschichten stechen immer wieder Ben LaMar Gays spitze Trompetenkürzel hervor und verbünden sich mit den Saxophonlinien Fredrick Jacksons. Das „soul food“, das Khari B. dazu mit seiner House-Music-geschulten Stimme serviert und nebenbei in eine Art „tänzerische Unruhe“ übersetzt, schafft eine szenisch-dichte Atmosphäre. Auch die jüngste AACM-Generation vertraut auf den Ritual-Charakter ihrer Musik: Rein instrumentaler Ausdruck auf stimmähnlich modulierten Blasinstrumenten, Rufe, Schreie, perkussive Signale, Stimmfetzen, Gedichte, Gesang und kontrastive Geräusche – all das schafft ein rätselhaft-komplexes Klangkontinuum.

Ben LaMar Gay: tp, voc, electronics, comp
Coco Elysses: perc, voc, comp
Discopoet Khari B: spoken word poetry, voc, comp
Fredrick Jackson Jr.: woodwinds, voc, comp
Jerome Croswell: trap drums, voc, comp
Saalik Ziyad: voc, comp
Tomeka Reid: cello, voc, comp

© HR 2, 11/2015, Alle Texte: Deutsches Jazzfestival Frankfurt 2015

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