„Grüße an die Clowns“ Jaimie Branch live in Berlin

Die New Yorker Jazztrompeterin Jaimie Branch gab im Berliner Kesselhaus ein famoses Konzert mit ihrem Trio. Von Andreas Hartmann.

Es ist ein Stoßgebet, ein Aufschrei: „Prayer for Amerikkka“. Das Stück aus Jaimie Branchs zweiten Studioalbum mit dem Titel „Fly Or Die II: Bird Dogs Of Paradise“ kommt gleich zu Beginn ihres Konzerts im Berliner Kesselhaus. Es handelt von einer verwundeten Nation, ausgelaugt von den Trump-Jahren, zerfressen vom anhaltenden Rassismus.

Es ist ein Amerika, das sie mit drei K schreibt, wie schon der Gangsta-Rapper Ice Cube in einem seiner Alben. Die drei K stehen für den Ku Klux Klan. Branch beschwört ihr Heimatland, wieder in die richtige Spur zu finden. Ihre Mitmusiker Lester St. Louis am Cello und Jason Ajemian am Kontrabass erschrubben einen Klangteppich, Drummer Chad Taylor klöppelt sich langsam warm.

Musikalisch sozialisiert wurde sie in Chicago

Und dann setzt Jaimie Branch endlich die Lippen an ihre Trompete und feuert die ersten Tonsalven ab. Unterlegt mit extra Hall, was sie noch eindringlicher wirken lässt. Und allen im Raum ist nun klar, dass sie hier einem wirklich besonderen Jazzkonzert beiwohnen. Aber niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass sich am Ende des fast zweieinhalbstündigen Auftritts alle von ihren Stühlen erheben werden, zu tanzen beginnen und unter Anleitung der Musikerin gemeinsam singen werden: „This is a song for assholes and clowns.“




© Der Tagesspiegel, Kultur, 12.11.2021

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