Henning Boltes Release Tipp: Amir Elsaffar: New Quartet Live at Pierre Boulez Saal / Maqam Records
Auf diesem Album klingt fast alles „faszinierend“. Die Musik ist mal zart, mal hektisch, kann Welt vergessen, elegisch oder feierlich, beschwörend oder prozessionsartig sein. Sie bleibt in unauflösbarer Schwebe, was ihr einen geheimnisvollen Atem verleiht und sie in mysteriösen Nebel hüllt. Gleichzeitig ist sie sehr physisch und konkret und trägt auch den Anschein von etwas, das gerade im Entstehen begriffen ist.
Sie entführt einen in ferne Welten, ohne jedoch jemals in die erwartbare, übliche harmonische Auflösung zu münden. Das macht sie zu einem außergewöhnlichen Erlebnis in einer Zeit voller grausamer Lügen und schwer zu ertragender, altbekannter Formeln. Es ist Musik, die unsere Wahrnehmung und unsere Stimmungsschwankungen auf die Probe stellt. Entschlossen und ebenso vorsichtig wagt sie sich über bekannte Pfade hinaus und findet ihren Weg in neue Leidenschaft, die Impulse auslöst und nährt. Sie ruft Momente der Verwirrung und des Staunens sowie der Verzauberung hervor und unterscheidet sich deutlich von den derzeitigen hypermassiven Fluten ablenkender Manöver. Die Musik, komponiert vom Trompeter, Santur-Spieler und Sänger Amir ElSaffar und in enger Zusammenarbeit mit diesem neuen Quartett aus dem Saxophonisten Ole Mathisen, dem Schlagzeuger Tomas Fujiwara und der Pianistin Tania Giannouli, die hier ein vierteltonangepasstes Klavier spielt, entstand im Auftrag einer von Piotr Turkiewicz kuratierten Reihe im Berliner Pierre Boulez Saal.
Sie wurde am 30. September 2023 in Berlin live aufgeführt und am nächsten Tag in derselben (leeren) Halle aufgenommen. Den Kern des Albums bilden die Live-Aufnahmen des Konzerts, ergänzt durch drei alternative Takes mit „Studio”-Aufnahmen, die zusammen mehr als 70 Minuten dauern. Der in Chicago geborene Amir ElSaffar hat solide Jazz-Wurzeln und -Kenntnisse. Er spielte unter anderem mit Archie Shepp, Cecil Taylor, Vijay Iyer und Anthony Davis. Darüber hinaus hat er sich fundierte Kenntnisse und Fähigkeiten in irakisch-arabischer Musik angeeignet und ist einer der gründlichsten, fortschrittlichsten und reflektiertesten Vermittler und Vereiniger musikalischer Idiome und Kulturen, was er sorgfältig in seinen Ensembles, dem 6-köpfigen Two Rivers Ensemble und dem 17-köpfigen Rivers of Sound Orchestra, sowie in zahlreichen Auftragswerken in Europa und den USA (u. a. Berlin Jazzfest, Jazztopad Festival (2018), Flamenco Biennale Netherlands, Dream City Festival Tunis (2019)). Der Saxophonist Ole Mathisen, Direktor des Louis Armstrong Performance Program an der Columbia University in New York, ist ein langjähriger Mitarbeiter in ElSaffars Ensemblearbeit, während Fujiwara und Giannouli neue Kräfte in diesem Kontext sind. Der Schlagzeuger Tomas Fujiwara ist ein gefragter Musiker und Mitglied führender New Yorker Ensembles, u. a. der Ensembles von Mary Halvorson, Tomeka Reid und Matana Roberts. Für die griechische Pianistin Tania Giannouli ist es nicht so überraschend, sie in einer Konstellation mit einem farbenfrohen Trompeter zu finden. Ihre eigenen Trios haben die Farben der Trompete (Andreas Polyzogopoulos, Paul Estievenart, Jakob Bänsch) in Kombination mit ûd (Kyriakos Tapakis) und Klavier. Sie spielte mit Arve Henriksen und arbeitet im Duo mit dem Trompeter Nils Petter Molvær zusammen. Die nordamerikanische Premiere der Gruppe findet am Samstag, dem 6. Dezember, im New Yorker Roulette statt, gefolgt von einem Auftritt beim New York Winter Jazzfest am 9. Januar im Drom. © Alle Texte: Henning Bolte.