Hörtipp des Tages 2
Musik der Gleichzeitigkeit Henry Threadgill mit „Very Very Circus Plus“
1995 bei den Donaueschinger Musiktagen

mit Harry Lachner

Sein Credo, dass Tradition nur dann eine Rolle spielt, wenn man in der Lage ist, aus ihr etwas Neues zu entwickeln, setzte der Saxofonist und Flötist Henry Threadgill bei seinem Auftritt bei den Donaueschinger Musiktagen 1995 auf beispielhafte Weise um. In seinem Konzert fanden sich all die Traditionslinien von Free Jazz, Blues, Gospel oder Vaudeville in einem intellektuell und kritisch reflektierten Netz zu neuen Formen verknüpft und verdichtet; Formen, die in ihrer jetzigen Gestalt nur mehr vage an einzelne, historische Stilmerkmale erinnerten. Henry Threadgill machte in diesem Konzert auch auf ebenso kluge Weise deutlich, dass er durchaus raffinierte Stücke komponieren, komplexe Abläufe inszenieren kann, ohne auf das zu verzichten, was das Wesen des Jazz ausmacht: eine auf die Emotionen abzielende Dramaturgie, die beständige Verzahnung von Themen und Improvisationslinien – und nicht zuletzt ein inspirationsbeseeltes Spiel.

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