Ingo J. Biermann: Best of 2020

„Conscious-Rap wird in der Trap-Ära, in der es oft nur um Bling-bling geht, gerne als Zeigefinger-Musik missverstanden, weil der Inhalt politisch und sozialkritisch ist. Sa-Roc ist das schnuppe. Sie hat auch keinen Song extra für die BLM-Proteste komponiert, sie will Kontexte schaffen in einer Welt, in der nur die lauteste Stimme auf Twitter gewinnt. Das ist eben doch revolutionär.“ (taz)

Beim Rückblicken fiel mir auf, wie viele sehr gute Alben ich in diesem Jahr erworben und gehört habe; weit mehr als die unten genannten 30; locker hätte ich 50 nennen können, die mich sehr bewegt haben. Einige Alben sind mit der Zeit gewachsen, manche schnell und eindringlich (Waxahatchee, Oded Tzur, Charli XCX), andere langsam und schleichend (Phoebe Bridgers, Jon Hassell, Ambrose Akinmusire — bei diesen dreien bin ich noch immer ein wenig gespalten; Hassells Album etwa finde ich streckenweise unangenehm überladen, mir fehlt die Klarheit seiner besten Werke, aber die Höhepunkte des Albums sind einfach zu famos).

Die meisten dieser Alben habe ich wieder und wieder gehört, und es sind wirklich ganz simpel meine „Lieblingsalben“ des Jahres. Saint Cloud habe ich sogar, nachdem ich im Frühjahr die CD erworben hatte, im Herbst auch noch als angemessene Vinyl-Ausgabe gekauft, wie die übrigen LPs von Waxahatchee. In jedem Fall handelt es sich um Alben, die für mich persönlich in den 12 Monaten großen Wert hatten. Ein wenig hoffe ich natürlich schon, dass andere dadurch etwas Neues entdecken, denn wenn sich bei mir durch die Musik ein emotionaler Resonanzrahmen einstellt, können das ja auch andere erleben.

Die USA finden sich in dieser Bestenliste, zu meiner eigenen Überraschung, auffällig häufig wieder, in aller Vielseitigkeit: Katie Crutchfield aus Alabama, mittlerweile in Kansas City lebend, Assata Perkins aus Washington, D.C., Lucinda Williams aus Louisiana, Protomartyr aus Detroit, Moor Mothers Irreversible Entanglements aus Chicago, die Flaming Lips aus Oklahoma, Avalon Emerson aus Arizona, Los Angeles ist mit Phoebe Bringers und Fiona Apple vertreten, auch  Jon Hassell, gebürtig aus Memphis, lebt heute in California, wogegen Ambrose Akinmusire aus Oakland nach New York City gezogen ist und auch die Kolumbianerin Gabriela Jimeno alias Ela Minus hat nach dem Berkelee-Studium in Boston hat ihr Debütalbum in Brooklyn aufgenommen. Die übrigen Alben sind in ihrer geografischen Herkunft äußerst weit gestreut.

01 Waxahatchee: Saint Cloud
02 Franck Vigroux: Ballades sur lac gelé
03 Einstürzende Neubauten: Alles in allem
04 Erkki-Sven Tüür: Lost Prayers

05 Fiona Apple: Fetch the Bolt Cutters
06 Sevdaliza: Shabrang
07 Sigurd Hole: Lys/Mørke

08 Ela Minus: Acts of Rebellion
09 Sa-Roc: The Sharecropper’s Daughter

10 Lucinda Williams: Good Souls Better Angels
11 Protomartyr: Ultimate Success Today

12 Irreversible Entanglements: Who Sent You?
13 Culk: Zerstreuen über euch
14 The Bug ft. Dis Fig: In Blue
15 Kateryna Zavoloka: Ornament
16 Tricky: Fall to Pieces
17 Phoebe Bridgers: Punisher

18 Flaming Lips: American Head
19 Oded Tzur: Here Be Dragons
20 Jasper Høiby: Planet B
21 Tigran Mansurian / Kashkashian, Pogossian u.a.: Con anima (ECM New Series)
22 Charli XCX: How I’m Feeling Now

23 Meryem Aboulouafa: Meryem

24 Nubya Garcia: Source

25 Avalon Emerson: DJ-Kicks

26 Arca: KiCk i

27 Jon Hassell: Seeing Through Sound – Pentimento II
28 Shabaka Hutchings and the Ancestors: We Are Sent Here By History
29 Ambrose Akinmusire: On the Tender Spot of Every Calloused Moment
30 Laura Marling: Song for our Daughter

Außer Konkurrenz:
David Byrne: American Utopia on Broadway
Neptunian Maximalism: Éons
Run The Jewels: RTJ4
Vilde&Inga: How Forests Think (Link zum CD Tipp)

(Wieder-)Entdeckungen:
Mika Vainio aka Ø: Kiteet (1993-95)
John Surman: Such Winters of Memory (1983)
Prince: Rainbow Children (2001) — völlig zu Unrecht unterschätztes Album in bester Hancock-Tradition
Prince: Sign ‚O’ the Times Super Deluxe Edition (1985-87) — eine unglaubliche Fundgrube
Prince: Up All Night (2002, Box-Set aus verschiedenen Live-Aufnahmen)
Nicolas Jaar: Sirens (2016)
Alice Cooper: Killer (1971)
Louis Sclavis: Frontières (2017)
Spoon: Ga Ga Ga Ga Ga (2007, nicht direkt Neuentdeckung, aber es gab wieder eine Neuauflage, und das Album ist einfach immer klasse!)
Stevie Nicks: 24 Karat Gold (2014)
Terje Rypdal: 4 ECM-Alben-Wiederveröffentlichungen aus den 1970ern
Brian Eno: Film Music 1976-2020

©Texte, Video und Linkauswahl: Ingo J. Biermann

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