Jazzfest Berlin 2024: Letzter Auftritt einer deutschen Legende? Das kann nicht sein
Von Josef Engels (Welt). Wissenschaft, Aufarbeitung und Workshops: Zu seinem 60. Geburtstag nimmt sich das Jazzfest Berlin viel vor. Es gibt aber auch hervorragende Musik. Berührend ist der Auftritt eines 80-Jährigen, herausragend ein Frauenensemble mit einer genderbewussten Schlagzeugerin.
Nur einen Saxofonwurf von der Mauer entfernt trug sich vor 60 Jahren im Berliner Westen Ungeheuerliches zu: Herbert von Karajan musste die Schlüssel für seinen Arbeitsplatz abgeben. Denn dort, in der Philharmonie, hatte im September 1964 für drei Tage einmal nicht die Klassik das Sagen.
Dass die von Joachim-Ernst Berendt programmierten Berliner Jazztage ihren Anfang im angestammten Habitat der Hochkultur nahm, sendete starke Signale aus: Die Frontstadt öffnete die Fenster zur Welt und machte klar, dass Stimmenvielfalt und Freiheitsliebe im westlichen Nachkriegsdeutschland keine Fremdwörter mehr waren. Niemand Geringeres als der kommende Friedensnobelpreisträger Martin Luther King schrieb das Geleitwort für die Premiere und versicherte der geteilten Stadt: „Alle haben den Blues.“
© Welt, Kultur, 3.11.2024