Laurie Anderson zum 70. Geburtstag !!!
Mit Laurie Anderson und ihrem opus magnum „United States“ hören wir Geschichten am Kaminfeuer der Technologie. Aus Anlass ihres 70. Geburtstages wagen wir einen Streifzug durch Laurie Andersons legendäre Oper „United States live“ aus 1983, mit ziemlicher Sicherheit das unübertroffene opus magnum der amerikanische Künstlerin in ihrer Welt zwischen Konzeptkunst und Pop.
Mit Christian Scheib
Es geht bei Laurie Anderson um Gesellschaftkritik im großen Stil zwischen Technologie und Kapitalimus, aber Laurie Anderson bündelt diese großen Themen am liebsten in Ein-Satz-Pointen. Beispielsweise: Ein kurzer Exkurs zur amerikanischen Form des lässig den Armhebens zwecks Say Hello und Say Good-Bye; man sieht als Videoprojektion diese berühmte Paar-Abbildung, die in den Weltraum geschickt wurde, und die Tasache, dass der Mann mit erhobener Hand grüßend, die Frau aber passiv neben ihm stehend abgebildet wurde, kommentiert Laurie Anderson mit modulierter Stimme: „Glauben Sie, dass die Außerirdischen glauben werden, sein Arm sei in dieser Stellung permanent fixiert?“
Fortbewegung und Geschwindigkeit, Geschlechterrollen und Machtspiele, Kommunikation und Technologie, alles mündet in einen hinterhältigen Satz.
Die „talking opera“ währt nicht lange und schon befinden wir uns im ersten – damals wohl zur Überraschung aller – großen Hit von Laurie Anderson, O Superman. Auch dieses Lied ist eine Paraphrase auf Technologie, Kommunikation und Entfremdung: die damals so typischen Anrufbeantworterphrasen – Hi, I’m not home right now – prägen den Text. Und manch Rätsel löst sich erst beim zweiten Mal Hinhören auf: „O Superman, O Judge, o mom and dad.“ Die beim ersten Hören nicht erahnbare weil kunstvoll versteckte Gesellschaftkritik: Eine Phrase aus einer Jules Massenet-Oper verweist auf den farbigen und deswegen lange Zeit in seiner Karriere behinderten US-amerikanischen Tenor Charles Holland: Im Opernoriginal heißt es „O Souverain / o juge / o père“, und bei Laurie Anderson wird dann eben daraus, „O Superman, O Judge, o mom and dad.“
© Ö1, Spielräume, 4.6.2017