Man kann hilflos und stark sein „Bettina“ im Kino

Ein liebevoller Dokumentarfilm erzählt das Leben der DDR-Liedermacherin Bettina Wegner. Von Juliane Liebert.

In West-Berlin hat man für ein gutes Vierteljahrhundert gewohnt, als sei die Mauer die Schöpfung einer höheren Macht und stünde mindestens bis zum Jüngsten Gericht. Bettina Wegner kann ein Lied davon singen. Hinter ihrem schlichten Einfamilienhaus rattert die S-Bahn vorbei. Bis zur Wiedervereinigung waren die Gleise stillgelegt. Wer damals in die Gegend zog, rechnete nicht damit, dass jemals wieder Züge fahren würden.

Die erfolgreiche Songschreiberin und Sängerin zog unfreiwillig in die Gegend. Sie ging hierher ins Exil. Ihr Land hatte sie hinausgeworfen. Dabei stammt sie aus Lichterfelde, dem bürgerlichen Südwesten der Stadt. Aber die Eltern, überzeugte Kommunisten, die in der Sowjetzone arbeiteten und in dortiger Währung bezahlt wurden, konnten nach der Einführung der D-Mark von ihrem Gehalt nichts mehr kaufen. Eigentlich wollten sie auf dem Territorium des Klassenfeindes für die Weltrevolution kämpfen. Doch ohne Geld keine revolutionäre Avantgarde, das wusste schon der Baumwollfabrikant Friedrich Engels. Also übersiedelte die Familie Wegner ins ideologische Homeland, nach Ostberlin.



Heimat sollte die DDR für die Tochter immer bleiben, bis heute, auch wenn dieser Staat seit über drei Jahrzehnten Geschichte ist. Als kleines Kind trauerte Bettina 1953 um Stalin. Kaum volljährig, wurde sie zu Zwangsarbeit verurteilt, weil sie Flugblätter gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Prag verteilt hatte. Gerade war ihr erstes Kind zur Welt gekommen. Gezeugt von Thomas Brasch. Ja, der zeitlebens exzessiv widerborstige und so zärtlich poetische Schriftsteller und Filmemacher Thomas Brasch, der dieser Tage seine eigene Renaissance erlebt. Mascha Qrella vertonte seine Gedichte zu flirrenden Popsongs, Andreas Kleinert drehte ein aufwendiges Biopic mit Albrecht Schuch in der Hauptrolle.



© Süddeutsche Zeitung, Kultur, Film, 23.5.2022

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