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Musikfest Berlin 2021: Rebecca Saunders „Zu wahr, um schön zu sein“

Ein illusionsloser Kommentar zu unserer Zeit: „to an utterance“, das neue Klavierkonzert von Rebecca Saunders, wird beim Musikfest Berlin aufgeführt. Von Gerald Felber.

Es ist oft ein Qualitätsmerkmal, wenn sich in den – nicht mehr periodisch-thematisch organisierten – Klanglandschaften neuer Musik das Vergehen der Zeit leichtfüßig und fast unmerkbar vollzieht. Ganz so wie in Rebecca Saunders’ acht Jahre alter Komposition „Void“: Nachdem das Lucerne Festival Contemporary Orchestra mit seinem Dirigenten Enno Poppe und die beiden Schlagzeuger Christian Dierstein und Dirk Rothbrust mit ihrem so putzig-kindlichen wie futuristisch-innovativen, von ihnen mit inbrünstig geneigter Zärtlichkeit bearbeiteten Instrumentarium nach prächtig absolvierter Arbeit ans Ende gekommen waren, hatte man über zwanzig Minuten wie im Fluge hinter sich gebracht. Diese Klangwanderung durch nie gehörte perkussive Feingewebe, ummantelt von und kommunizierend mit einem durchaus kräftig besetzten, aber immer in feinster Diskretion eingesetzten Orchester, war eine Expedition, die nicht nur neues Hören lehrte, sondern auch genau rechtzeitig endete, ehe Abnutzungserscheinungen drohten.


Bei dem fünf Tage vorher in Luzern uraufgeführten Klavierkonzert der Komponistin, das nun zum Musikfest Berlin kam, waren die Verhältnisse anders: Es gab etliche Stellen, bei denen man sich durchaus folgerichtige Schlusspunkte hätte vorstellen können, ohne sich dabei sozusagen von der Künstlerin geprellt fühlen zu müssen. Aber dann ging es doch weiter, wieder und wieder und noch einmal: nach dem Epilog ein Epi-Epilog und dann vielleicht noch ein Nachwort samt ein paar Fußnoten. Was natürlich bei einer Komponistin von der Erfahrung Saunders’ keine Un- oder Zufälle sind, sondern die – gewiss auch verstörende – Konsequenz einer Zeit- und Seelenschau, die wohl ziemlich viel Bedenkliches in der Art findet, wie wir heute miteinander kommunizieren und umgehen. Der Titel des Konzerts, „to an utterance“, weist auf eine Art der Entäußerung, die weder mit sich selbst noch der Welt richtig fertigwird, ein Drama des fragmentierten Hin- und Hergeworfenseins zwischen immer neuen und immer anders vergeblichen Ansätzen.



© FAZ, Kultur, 12.9.2021

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