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Navid Kermani: „Wir vergessen die Zeit, den Zweck, wir vergessen für ein, zwei Stunden unsere Sterblichkeit „

Navid Kermani wuchs mit Neil Young und Led Zeppelin auf. Mit 20 entdeckte er die Unergründlichkeit klassischer Musik. Ein Gespräch über Schubert, schlechte Laune beim Kulturradio und die Kölner Philharmonie als Zufluchtsort. Hartmut Welscher im Interview mit Navid Kermani.

Navid Kermani ist habilitierter Orientalist, Schriftsteller, Reisereporter, Essayist, vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2015 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Dass seine Stimme im politischen Diskurs besonderes Gewicht hat, und ihr viele aufmerksam zuhören, liegt auch daran, dass er kein Intellektueller ist, der die Welt von der Schreibtischkanzel aus seziert, sondern ihr stets teilnehmend begegnet, mit wachem Blick, empathischem Herz und scharfem Verstand. Kermani, der Ethnograph, auf den das zutrifft, was T. S. Eliot in seinem Gedicht Little Gidding beschrieb: »Wir lassen niemals vom Entdecken / Und am Ende allen Entdeckens / Langen wir, wo wir losliefen, an / Und kennen den Ort zum ersten Mal.« Kein Wunder, dass der mit Neil Young und dem 1. FC Köln sozialisierte Kermani irgendwann auch die klassische Musik für sich entdeckte. Für den Weltenbummler, der gerade einige Monate in Ostafrika war und nächste Woche nach Äthiopien aufbricht, wurde die Kölner Philharmonie zu einem »Zufluchtsort des Geistigen«. »Ich erlebe dort teilweise die intensivsten Augenblicke meines Lebens«, erzählt Kermani mir an einem Freitagnachmittag in seiner Wohnung am Kölner Eigelstein. 


VAN: Viele Menschen, die klassische Musik hören, sind schon als Kind mit ihr in Berührung gekommen. Wie war das bei Ihnen? 

Navid Kermani: Ich komme ganz woanders her. Meine Eltern waren kulturinteressiert, aber halt iranisch kulturinteressiert, an iranischer Poesie und Musik. Ich kann auch keine Noten lesen. Meine Eltern haben mich nie dazu angehalten, ein Instrument zu lernen, was ich wirklich sehr bedaure. In meiner Jugend gab es links und rechts niemanden, der klassische Musik gehört hat. Durch meine älteren Brüder und die Umgebung kam die amerikanische und englische Rockmusik herein, für die ich mich begeistert habe und die auch irgendwie cool war. 

Was war dann Ihre erste Begegnung mit westlicher klassischer Musik?

Als Schüler habe ich gelegentlich Konzerte des Siegerland-Orchesters [heute Philharmonie Südwestfalen] besucht, außerdem schrieb ich für die Lokalzeitung in Siegen und weiß noch, wie ich den pensionierten Generalmusikdirektor Rolf Agop besuchte, um ihn zu interviewen. Er war schon sehr alt und merkte natürlich, dass ich überhaupt keine Ahnung von klassischer Musik hatte, ich verbarg das auch nicht, und meine ganze Erscheinung … na ja, lange Haare und so. Aber er hat mit solcher Begeisterung und auch Jugendlichkeit von Beethoven, von Mozart, von Bach erzählt, dass es mich wirklich packte. Ich bin dann ganz beseelt nach Hause gefahren und habe eine Hymne auf ihn geschrieben, wenn ich mich richtig erinnere. Aber tatsächlich angefangen, mir Klassik-Platten zu kaufen, habe ich erst mit 20, 21. 



© VAN Magazin, 22.3.2023

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