„Nichts zum Wohlfühlen“ Angel Bat Dawid in Heidelberg. Von Peter Kemper
Ihre Performance lebt aus der Kollision ästhetischer Gegensätze: Die Jazzsängerin Angel Bat Dawid leistet in Heidelberg religiöse Beschwörungsarbeit und ist dabei technisch aufgeschlossen.
Sie schreit, ermahnt, fordert, predigt, bettelt und weint sogar bisweilen auf der Bühne. Angel Bat Dawids Emphase kennt kaum Grenzen. In Amerika wird sie schon als „Wahrsagerin des Spiritual Jazz“ oder als „Missionarin einer kosmischen Musik“ gefeiert. Mit ihrer Mischung aus leidenschaftlichem Gesang, angriffslustigem Klarinettenspiel in bester Free-Jazz-Manier, raffinierten Soundsamples aus dem Laptop und betörenden Klavierhymnen gilt die Chicagoerin, Jahrgang 1980, in der Jazzszene als shooting star. Zwar mag ihr aufgeregter Predigerton nicht allen gefallen, doch ihre grobe Mischung aus Gospel, Elektronik und Gebet liefert ein pulsierendes Manifest des zeitgenössischen Black Empowerment.
© FAZ, Feuilleton, 10.10.22