NZZ: Ein Stern namens Bach: Daniil Trifonov blickt hinter die Kulissen der berühmten Musikerfamilie
Gerade hat er das Zürcher Publikum beim Amtsantritt von Gianandrea Noseda von den Stühlen gerissen, jetzt legt Daniil Trifonov, der als Ausnahmebegabung unter den jüngeren Pianisten gilt, seine Sicht auf Bachs «Kunst der Fuge» in einem originell konzipierten Album vor. Von Dorothea Walchshäusl.
In einem anderen Leben wäre Daniil Trifonov vielleicht ein Sternenforscher, befasst mit den überirdischen Dingen. Tatsächlich ist der 1991 in Nischni Nowgorod geborene Russe mit dem scheuen Blick, den schulterlangen, braunen Haaren und dem wachen Geist einer der besten Pianisten der Gegenwart. Sein Spiel zeugt von tiefer Emotionalität, analytischer Überlegenheit und brillanter Technik gleichermassen. Gerade einmal 30 Jahre alt, umweht Trifonov bereits ein Hauch von Mythos.
Ein Oktobervormittag in Berlin. Am Vorabend hat Daniil Trifonov einen weiteren Preis entgegengenommen und im Konzerthaus am Gendarmenmarkt die Klavierbearbeitung des Chorals «Jesus
bleibet meine Freude» gespielt; nun kauert er in der unterkühlt gestylten Bar eines Hotels in Berlin-Mitte am Tisch, nippt am Wasser und streicht mit seinen langen, schmalen Fingern unruhig über die Tischplatte. Gleich nach dem Gespräch wird er wieder nach München fahren und dort die Einweihung der Isarphilharmonie mit den Beethoven-Klavierkonzerten fortsetzen. Parallel dazu bereitet er Soloauftritte mit seinem neuen Bach-Programm vor.
© NZZ, Feuilleton, 7.11.2021