NZZ: Helge Schneider „Durch Corona bin ich auch extrem lustig geworden. Ich glaube, es liegt an dieser Zeit der verlorenen Freiheit“
Der Künstler Helge Schneider fremdelt mit den Corona-Massnahmen, aber denkt nicht daran, gegen irgendetwas zu opponieren. Schwarz-Weiss-Denken sei immer ein Fehler. Und er halte sich auch nicht für systemrelevant, sagt er im Interview mit Paul Jandl.
Herr Schneider, Sie haben viele Rollen gespielt. Als Jazzer und Komiker. Sie waren Doc Snyder und 00 Schneider. Sie haben den Abrissunternehmer Jean-Luc Borovsky und einen Grossstadtförster gespielt. Neu ist Ihre Rolle als Auskunftsperson in Sachen Corona, weil Sie vor kurzem wegen der Massnahmen ein Konzert abgebrochen haben. Ist Ihnen diese Rolle unangenehm?
Was Corona betrifft, muss ich sagen: Ich kann aus allem auch was Gutes rausziehen. Weil ich ein Mensch bin und als Mensch selbst ambivalent. Es ist immer ein Vorteil, kein Schwarz-Weiss-Denken zu entwickeln. Ich finde natürlich die oktroyierten Bedrängungen merkwürdig, weil das überall anders ist. Die Menschen sind sehr verschieden. Aber: Wenn ich weiss, es ist ein gefährliches Virus in der Welt, dann halte ich mich doch zurück. Dann bleibe ich zu Hause und gehe nicht in Menschenansammlungen. Oder setze mir eine Maske auf. Plötzlich waren alle Experten und haben sich im Internet informiert. Da hab ich mich rausgehalten. Ich lebe so mehr nach dem Bauch. Ich hab mir gedacht: Treten wir mal bisschen kürzer. Das geht schon wieder weg. Eigentlich denke ich heute noch so.
Sie haben kleine Videos gedreht in der Zeit des Rückzugs und sie im Internet gepostet, als Gruss aus der Küche sozusagen.
Natürlich ist Corona für viele etwas ganz Einschneidendes, aber ich bin nicht systemrelevant. Man braucht meine Kunst nicht. Ich bin Aussenseiter. Subkultur. Man nennt das vielleicht immer noch so, und ich weiss, wie schwierig solche Zeiten für andere in dem Bereich sind. Kleine Klubs, wo Leute aufgetreten sind. Wie sollen die das machen mit 2-G-Regeln? Bei der 2-G-Regel kriegen die dann auch noch gesagt: Ihr Arschlöcher! Warum lasst ihr nur Geimpfte und Genesene rein, aber keine Getesteten? Ich kann grad sagen: Mir ist egal, wie viel Geld ich verdiene. Die, die nicht so bekannt sind, können gar nicht auftreten. Weil da gar keiner kommt. Wo sollen die denn auftreten? Und die Grossen können auch nicht spielen. Wenn die sonst zehntausend Leute haben, aber nur vor tausend spielen dürfen, geht der Schwarzmarkt hoch. Da haben die ein Scheissgefühl. Und der Schwarzmarkt verdient dann zehnmal so viel wie die Künstler. Mir geht’s gut, und wenn ich mich mal beklagt hab, dann auch für andere.
«Ich bin nicht systemrelevant. Man braucht meine Kunst nicht. Ich bin Aussenseiter. Subkultur.»
Helge Schneider
© NZZ, Feuilleton, 24.9.2021