Musiktipps

NZZ: Pop-Konzerte „Live ist eine Illusion“ von Ueli Bernays !

In der Corona-Krise beschränkt sich der Austausch zwischen Musikern und Publikum auf digitale Kanäle. In Pop-Konzerten ist aber ohnehin immer weniger Platz für lebendige Präsenz und Spontaneität. Sound- und Video-Konserven dominieren zeitgenössische Multimedia-Shows. 

Keine Pop-Konzerte, bis auf weiteres. Auch keine Partys, keine Festivals. Die Corona-Krise hat dem Musik-Entertainment die Einkünfte und das Leben entzogen. So muss das Publikum derzeit mit Balkonkonzerten vorliebnehmen oder mit Live-Streaming, das einem Auftritte in Echtzeit aus Hallen, Studios und Übungskellern direkt ins Wohnzimmer beamt. Allerdings sind die digitalen Speicher schon lange voll mit diversen Konzertmitschnitten. Allein auf Youtube sind zahllose Sternstunden der Live-Kultur verewigt. Auch viele Klubs und Festivals haben ihre Video-Archive online zugänglich gemacht.

 

Gespenster

Die Pop-Musik, die alte Dealerin, hat einst mit der Jugend gewuchert, laut und lebendig. Später hat sie sich in der Routine des Mainstreams allmählich beruhigt, um ihr Publikum schliesslich immer öfter mit Ahnenkult und Wiedererweckungen zu ködern. Um Kohle zu machen, befeuerte sie die Nostalgie mit zahllosen Bio-Pics und Musicals. Der letzte Schrei in der Konzert-Kultur aber ist der Spuk der Hologramme: Die Seelen von Altstars wie Roy Orbison und Tupac Shakur, Michael Jackson und Whitney Houston sollen die internationalen Konzertbühnen als untote Lichtgestalten zurückerobern.

Hologramme sind symptomatisch für eine Entwicklung, in deren Verlauf die Lebendigkeit an Live-Konzerten stetig abgenommen hat. Sie zeigen auch, wie Authentizität und Affekt von Musikern mehr und mehr durch technische Simulation ergänzt oder gar ersetzt worden sind. Die Schaltkreise der Elektronik, die expressive Impulse von Sängern und Instrumentalisten als Information speichern, haben dabei auch eine grenzenlose mediale Verfügbarkeit ermöglicht. Mit mobilen Endgeräten können wir gespeicherte Aufnahmen heute überall durch unsere Sinne strömen lassen….

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© NZZ, Feuilleton, 4.5.2020

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