Zeit Online: Ondes Martenot: Auf taube Ohren von Julia Tieke !

Wie kann arabische Musik auf europäischen Instrumenten gespielt werden? Eine französische Musikerin machte 1932 einen Vorschlag, den die Männer des Fachs aber übergingen.

Genaues Lesen ist eine Form von Zuhören. Und so sehe ich als Radiojournalistin, die sich viel mit randständigen, manchmal leisen Klängen beschäftigt, meine Aufgabe auch darin, in Texten über Klänge sehr genau hinzuhören. So kam es vielleicht, dass ich in der Dokumentation des Ersten Kongresses für arabische Musik, der 1932 in Kairo stattfand, einen in vier schlanke Zeilen festgehaltenen Vorschlag nicht einfach überlas. Vielmehr hielt ich mein Ohr näher an die leise Stimme von Mady Humbert-Lavergne – eine von nur zwei weiblichen Kongressdelegierten, und die einzige Frau, von der überhaupt eine Aussage dokumentiert ist.

Bei diesem Kongress stritten europäische und arabische Musikwissenschaftler unter anderem darüber, wie und inwiefern arabische Musik vor dem Einfluss europäischer Musik zu schützen und zu bewahren sei, mit deren Instrumenten sich etwa arabische Vierteltonschritte oft gar nicht spielen lassen. Hier brachte Humbert-Lavergne einen im besten Sinn synthetischen Vorschlag ein: „Kürzlich wurde in Frankreich ein Musikinstrument erfunden, das alle arabischen Melodien spielen kann“, hatte sie der Dokumentation zufolge gesagt. „Es ist als ‚Ondes Musicales‘ bekannt, und ich nutze jetzt die Gelegenheit, den Gebrauch dieses Instruments in der arabischen Musik zu empfehlen.“ Ihre Worte verhallten inmitten einer hitzigen Debatte zwischen arabischen und europäischen Musikwissenschaftlern und blieben viele Jahrzehnte ungehört.

Mein Französisch reichte aus, um das Instrument mit „Musikalische Wellen“ zu übersetzen, doch um welches Instrument es sich handelte, musste mir das Internet offenbaren: Der Cellist Maurice Martenot hatte 1928 die Ondes Musicales patentieren lassen, eines der ersten elektrischen Instrumente überhaupt, heute bekannt als Ondes Martenot. Es ist ein elegantes, aufregendes Instrument, auf dem sich mit einem Band die Tonhöhe stufenlos verschieben lässt. Dadurch kann man auch mikrotonale Intervalle spielen, die zentral sind in der arabischen Musik.



Doch die Delegierten hatten für den Vorschlag kein offenes Ohr. Sie konnten sich ja nicht mal darauf einigen, mit welchen bereits etablierten Instrumenten arabische Musik gespielt werden sollte. Ganz vorne in der Diskussion mischte die „Berliner Schule“ mit, eine Gruppe früher Musikethnologen. Einer von ihnen, Curt Sachs, war daran beteiligt gewesen, den hochoffiziellen, kulturpolitisch wichtigen Kongress vorzubereiten. Er leitete auch die Arbeitsgruppe, die darüber diskutierte, ob „europäische Musikinstrumente“ Teil arabischer Musik sein konnten, allen voran das Klavier.



Sachs und Kollegen wie Paul Hindemith sprachen sich strikt dagegen aus. Sie wollten neue Instrumente erst dann in die arabische Musik „integrieren“, wenn es Kompositionen erforderlich machten. Die ägyptischen Musikreformer hingegen begrüßten die Versuche, Klaviere so umzubauen, dass sie Vierteltonschritte erlaubten.



© Zeit Online, Kultur, 19.11.2021

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