Open-Air-Triumph: Blixa Bargeld erinnert sich an die Menschheit

Kesseln auf Sparflamme, Glück der Konzentration: Die Industrial-Veteranen „Einstürzende Neubauten“ in der „Sommer-Arena“ in Wien-Erdberg. Von Ronald Pohl.

Vorbei die Zeiten, als die „Einstürzenden Neubauten“ ihre schwarze Poesie unter donnernden Blechlawinen begruben. Heute hängen ein paar Spiralfedern über den Plätzen der beiden Perkussionisten N.U. Unruh und Rudolph Moser: Alteisen, das mit derselben klöppelnden Sorgfalt bearbeitet wird wie der gesamte Werkkatalog der Berliner.



Ein blank polierter Kessel? Erinnert auf der Open-Air-Bühne der Wiener Arena an einen abgehängten Boiler. Alles auf Sparflamme gekocht von Blixa Bargeld und Co. „Alles wieder offen“, wie es auf einem ihrer poetisch überzeugendsten Alben der Nullerjahre hieß. Und jetzt, eine weltweite Pandemie später und mit zweijähriger Verspätung, ergötzen die Neubauten mit Proben aus ihrer Berliner Mauerstadt-Chronik, der sanften, stillen Platte Alles in allem (2020). Kindheitsmuster, zu Vignetten verdichtet, mit Ortsangaben versehen, wie „Grazer Damm“ oder „Am Landwehrkanal“. Astronauten, die, vorbei am Kindheitsfenster von Blixa Bargeld, auf den Berliner Asphalt stürzen. Der Bertolt Brecht der Buckower Elegien. Zivilisatorische Missgeschicke, wie das Abhandenkommen der Menschen in den leeren Hallen von Berlin-Tempelhof.



© Der Standard, Musik, Konzert, 15.6.2022

Danke, das Du meinen Beitrag kommentieren möchtest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: