Pop-Anthologie: „Ein Lied in allen Blättern“ Von Tobias Lehmkuhl

Wie ein wärmender Mantel: „Autumn Leaves“ ist der nostalgische Jazz-Song schlechthin. Die Frage, welche seiner zahlreichen Interpretationen die beste ist, lässt sich allerdings nicht so leicht beantworten.

Frank Sinatra oder Nat King Cole? Edith Piaf oder Juliette Gréco? Miles Davis oder Dave Brubeck? Bob Dylan oder Hannes Wader? Am Ende gar Wolf Biermann? Die Frage, welche Interpretation von „Autumn Leaves“ die beste ist, lässt sich nicht so leicht beantworten. Zumal allein von Keith Jarrett derer fünf auf CD festgehalten sind. Und welcher soll man den Vorzug geben, der bluesigen von 2002 oder der mit der hochdramatischen Einleitung von 1994? Der geradlinig-unsentimentalen von 1996 oder doch der zehn Jahre zuvor entstandenen mit dem wundervoll-schwebenden Ostinato am Ende?

„Autumn Leaves“ ist ein ziemlich unverwüstliches Stück, man muss schon ein wirklich schlechter Musiker sein, um diese herbstliche Ballade zu verhunzen. Das mag an der sehr geradlinigen, die g-Moll-Tonleiter hinabsteigenden Eingangsfigur liegen, oder daran, dass die melancholisch-jahresendzeitliche Stimmung des Stücks einem jedem so wohlvertraut klingt. Ein Lied, das man sich umlegen kann wie einen warmen Mantel.





FAZ, 17.11.2022

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