Prestomusic – Jazz Klassiker: Lee Morgan – The Sidewinder / Blue Note
Von Dan Spirrett. Lee Morgans The Sidewinder, das Ende 1963 aufgenommen und 1964 veröffentlicht wurde, entwickelte sich zu einem wegweisenden Album im Blue-Note-Katalog und leitete den finanziellen Aufschwung des Plattenlabels ein. Als die Big-Band-Ära langsam ausklang, zog Morgans mitreißende und tanzbare Musik die Aufmerksamkeit vieler auf sich.
Nachdem er persönliche Schwierigkeiten überwunden hatte, die seine Karriere kurzzeitig ins Stocken gebracht hatten, stellte Morgan ein Quintett zusammen, das bewährte Bop-Elemente mit zukunftsweisenden Experimenten verband. Die Einbindung von Joe Henderson war besonders bedeutsam; Henderson war ein aufstrebender Star, dessen Stil den Kompositionen eine scharfe, moderne Note verlieh. Hinter ihnen sorgte die Rhythmusgruppe aus Barry Harris, Bob Cranshaw und Billy Higgins für eine rhythmische Flexibilität, die für den Erfolg des Albums entscheidend war. Harris brachte die klassische Bebop-Eleganz ein, während Higgins und Cranshaw Pioniere des „Soul-Jazz“-Pockets waren, das diese Ära prägte.
Die Reise beginnt mit dem legendären Titelsong „The Sidewinder“, einem passenden Auftakt, der den Blue-Note-Sound neu definierte. Seine mitreißende Melodie verwebt sich mit einem groovigen „Boogaloo-Beat“, den die Rhythmusgruppe vorgibt, und bietet so eine perfekte Grundlage für Lee Morgans Solo. Morgan stürzt sich direkt in eine bluesorientierte Improvisation und setzt dabei meisterhaft Halbventil-Techniken und Passagen im Double-Time-Tempo ein. Joe Hendersons Beitrag ist ebenso fesselnd und bleibt rhythmisch aufgeladen, ohne hektisch zu werden. Ausgehend von diesem gefühlvollen Groove wechselt „Totem Pole“ in ein lebhaftes Latin-Minor-Feeling. Dieser Titel rückt das Trio aus Harris, Cranshaw und Higgins ins Rampenlicht, das mit Bravour nahtlos in die Major-Swing-Passagen übergeht. Die eigenwillige Schönheit von Morgans Spiel hinterlässt hier einen bleibenden Eindruck, während Bebop-Tradition und Soul-Jazz in Barry Harris’ elegantem Schlusssolo aufeinandertreffen, in dem die Bläser das Ensemble dazu antreiben, ihrer hohen Intensität gerecht zu werden.
The Sidewinder ist bis heute ein meisterhafter Beweis für die Fähigkeit des Genres, intellektuelle Strenge mit harmonischem und rhythmischem Gespür zu verbinden. Die Aufnahme fungiert als nahtloser Bindeglied zwischen der komplexen Architektur des Hard Bop und dem zugänglichen, mitreißenden Groove des Soul-Jazz, getragen von einem eingespielten Quintett. Selbst nach sechzig Jahren stellt dieses Album einen Höhepunkt für das Label Blue Note dar und bleibt ein unverzichtbares Erlebnis für alle, die den Kern des Jazz erkunden möchten.
© Prestomusic, Classic Recordings, 20.5.2026